Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

In seinem Blog bespricht Claude Longchamp eine interessante  Studie zur politischen Verortung der Medien in der Schweiz  (Lizentiatsarbeit von Jan Vontobel) und schlägt vor, dass verwendete Konzept, welches von drei Dimensionen im politischen Raum ausgeht, weiter für die Verortung der Parteien zu verwenden. Mich begeistert die Idee nur bedingt. Drei Dimensionen lassen sich ja gerade noch einigermassen grafisch darstellen. Aber was, wenn uns dann komplexere Analysetechniken aufzeigen, dass doch eigentlich vier – oder vielleicht fünf, sechs Dimensionen relevant sind. Mein Kollege Daniel Schwarz vertritt sogar der Ansicht, dass die zweite Dimension bereits wieder an Bedeutung verloren hat. Noch viel wichtiger als die Frage der Zahl der Dimensionen, finde ich allerdings die Frage, wie denn diese empirisch hergeleiteten Dimensionen genau zu bezeichnen wären.

In meiner Vorlesung zur empirischen Forschung behandle ich auch die Frage der Definition und Spezifikation von Konzepten. Dabei verweise ich jeweils auf das Modell des politischen Raums von sotomo als Beispiel für eine problematische Konzeptualisierung. Basierend auf dem verwendeten Konzept des politischen Raums wurde auf der offiziellen Broschüre zu den nationalen Wahlen von 2011 eine Torte mit der Verortung der Parlamentsmitglieder abgebildet. Die Grafik und die Methodologie können hier konsultiert werden: http://www.sotomo.ch/themen/parlament-und-parteien.

torte

Problematisch ist das Konzept, wie ich dann jeweils ausführe, nicht wegen der vorgeschlagenen Klassifikation an sich oder den verwendeten empirischen Modellen (die ich im Übrigen als legitim, korrekt und wissenschaftlich bezeichnen würde), sondern weil für die Bezeichnung der empirisch gefundenen und beschriebenen Dimensionen Begriffe verwendet werden (links-rechts) (konservativ-liberal) die nur bedingt mit deren alltagssprachlichen Bedeutung übereinstimmen.

Z.B. ist doch die Grundthese des Liberalismus (wie er gemeinhin verstanden wird) die ökonomische Eigenverantwortung und nicht die Integration von Fremden. Etwas besser wäre wohl man würde für die vorgeschlagene Dimension, wie dies beispielsweise Kitschelt getan hat, die Bezeichnung libertär verwenden. Auch stehen die Bezeichnungen „links“ und „rechts“ in unserem Alltagsverständnis für viel mehr als nur für die Dimension Staat-Markt. So ist Rechtsextremismus wohl für die wenigsten gleichzusetzen mit einer „extrem marktorientierten Haltung“ sondern eher mit der Befürwortung einer extremer Abschottung.

Klar, die Forschenden haben die Freiheit, ihre Konzepte zu benennen, wie sie wollen. Und ein Konzept lässt sich natürlich besser „verkaufen“ und spricht die Medien und die Öffentlichkeit eher an, wenn eine alltagssprachliche Bezeichnung verwendet wird. Aber es ist eben gerade dann, wenn sich die Öffentlichkeit sehr dafür interessiert, Vorsicht geboten. Durch die Verwendung alter politisch beladener Begriffe für neu gefundene Dimensionen, wird eine scheinbar neutrale Beschreibung des politischen Raums selber zu einem politischen Akt. Ich erinnere an die Reaktionen der Parteien auf die Tortenabbildung auf der Wahlbroschüre: Die Grünen fanden es damals nicht besonders lustig, dass sie als „konservative“ Alternative im „linken“ Raum dargestellt wurden und die SVP sah sich als illiberale Partei auch ziemlich schlecht bedient, ist sie doch in vielen Bereichen stark dem Credo verpflichtet, dass Wohlfahrtsstaat, Steuern und Umverteilung einzudämmen sind.

Deshalb bin ich auch, was die Ergebnisse von Jan Vontobels Lizentiatsarbeit zur politischen Verortung der Medien angeht, etwas skeptisch. Wenn er nach den von Leuthold/Hermann vorgeschlagenen Dimensionen kodiert hat, dann misst er eben nicht unbedingt das, was gemeinhin unter den verwendeten Bezeichnungen verstanden wird. Und es lässt sich dadurch dann auch nicht sagen, ob seine Einschätzung bezüglich der Verortung der Medien treffender ist als diejenige von Roger Blum.

Eine systematische Verortung der Parteien und Medien im mehrdimensionalen politischen Raum? Warum nicht. Aber bitte, bitte überdenkt erst mal die Konzepte und insbesondere ihre Labels!

3 Antworten auf „Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?“

  1. Die Benennung der Dimensionen in Faktoranalyse ist stets eine Leistung der Untersuchungsleidenden; in der Regel erfolgt sie aufgrund der typischsten Beispiele . Soweit sehe ich kein Problem, insbesondere nicht bei Hermann/Leuthold (2003), denn es ist der bisher besten, systematischste und belegteste Dimensionierungsvorschlag überhaupt.
    Das andere ist tatsächlich der Sprachgebrauch, namentlich dann, wenn man in der Vermittlung gegenüber eine nicht-wissenschaftlichen Oeffentlichkeit agiert. Ich kenne das.
    Da trifft die hier formulierte Kritik nicht ganz. Zugegeben, es besteht die Verwechslungsgefahr.
    Doch das ist keine Unikum der Dimensionierung der Parteienlandschaft. Sie besteht auch bei den Konkordanzkonzepten, beim Begriff der Volkspartei und vielem anderem mehr. Denn so, wie es Vatter oder Kirchheimer definieren, stimmt es mit dem Verständnis im Volksmund nicht überein. Die Anpassung an den Volksmund hat sogar tücken: So ist das wissenschaftlichen Verständis von Repräsentativität ganz anders als das populäre, und die Anpassung des wissenschaftlichen an das populäre wäre sogar ein klarer Rückschritt für die Wissenschaft.
    Meine Position ist. es macht durchaus Sinn, die Begriffe zu verwenden, allenfalls in klar ersichtlicher Definition (was bei schriftlichen Publikationen einfacher ist, und bei Vontobel auch exemplarisch nachvollziehbar geleistet wurde).
    Problematisch ist meiner Meinung, wenn man Begriffe fortwährend austausch, oder wenn man zeittypische Begriffe aus der vergangenen Zeiten für die Gegenwart verwendet.

  2. Vereinfachungen sind selten befriedigend, gerade, wenn es um komplexe Gegenstände geht, die aus mehreren, nicht hierarchisch zu gliedernden Ebenen bestehen. Reduziert man die zu betrachtenden Punkte auf einige wenige, fallen die anderen, die durchaus Relevanz haben (teilweise für sich, teilweise als Bindeglieder oder Stütze der anderen Bereiche), weg, was zu einem verzerrten und damit falschen Bild führt. Zwar ist dieses Bild dann verständlich, aber es ist schlicht nicht richtig. Damit vermittelt man eine Sachlage, die Menschen als Faktum nehmen, welche aber als solche weder existiert noch irgendwelche Relevanz hätte. Bauen dann Menschen auf dieser Sachlage auf, können nur wacklige Konstrukte entstehen.

    Statt die Dimensionen zu reduzieren wäre es in meinen Augen sinnvoller, die ganze Bandbreite offen zu legen. Es müssen auch nicht immer markige Diagramme sein, oft reicht ein simpler Text aus, da das Diagramm an sich auch wieder erklärungsbedürftig ist und oft die wirklich relevanten Dinge in Pfeilen und verbindenden Elementen liegen, nicht in den Balken oder Tortenstücken. Beim Offenlegen der ganzen Breite muss man darauf achten, dass man sich sprachlich nicht zu sehr in einen abgehobenen Fachjargon flüchtet. Darin sehe ich die Hauptproblematik. Jeder denkt, er müsse die Lage noch abgehobener und mit noch komplexeren Sätzen und Fremdwörtern schildern, so dass am Schluss keiner mehr etwas versteht, aber alle weise nicken, weil keiner sich die Blösse geben will. Oft sagen die so gelehrt klingenden Sätze aber gar nichts aus, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie Wort für Wort entschlüsselt. Der Sache ist damit nicht gedient.

    Will die Wissenschaft nicht vollends nutzlos im Elfenbeinturm verschwinden und sich gegenseitig Häppchen zuwerfen, wäre es an der Zeit, sich in einen Diskurs mit der Gesellschaft einzubringen. Dann erfüllt sie nämlich eine gute und wichtige Aufgabe und all die in stillen Kammern geschriebenen Bücher und Arbeiten werden plötzlich sinnvoll, weil praktisch wahrgenommen.

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