Sollen Krippenplätze auch für mittelhohe Einkommen subventioniert werden?

Katharina Fontana (NZZ) kritisierte letzte Woche die Praxis verschiedener Schweizer Städte,  Kinderkrippenplätze auch für Familien zu subventionieren, welche relativ hohe Einkommen erzielen. Weiter impliziert sie, dass es problematisch sei, wenn Personen mit hohen Einkommen subventionierte Plätze belegen und damit zur Platzknappheit beitragen. Bei den privaten Kinderbetreuungsangeboten gäbe es ja genügend freie Plätze.

Tatsächlich, ist es so, dass die Obergrenze für Subventionen bei Kita-Plätzen relativ hoch angesetzt ist. Z.B. kann eine vierköpfige Familie in der Stadt Bern mit bis zu ca. CHF 14’000 Haushaltseinkommen pro Monat noch mit einer Teilsubvention der Betreuungskosten rechnen. Die Subventionen sind allerdings stark einkommensabhängig, so dass die Subventionen in diesem Fall nur noch ein Bruchteil der Gesamtbetreuungskosten ausmachen. Ohne Subventionen kostet ein Kitaplatz für einen Wochentag pro Monat in einer öffentlichen Einrichtung der Stadt Bern ca. CHF 450. Eine 80% Betreuung zweier kleiner Kinder kostet also zum Volltarif pro Jahr rund CHF 43000.  Zwar wären die Kosten in einer private Einrichtungen etwas günstiger, weil in diesem Fall ein Geschwisterrabatt gewährt wird, aber selbst dann ist es mehr, als sich die meisten Familie mit mittelhohen Einkommen leisten können. Das Problem ist nämlich, dass im Kanton Bern nur ein Bruchteil der Ausgaben für die Kinderbetreuung von den Steuern abgezogen werden kann und somit Familien mit mittelhohen Einkommen zusätzlich auch einen gewichtigen Betrag an die Staatskasse bezahlen. Besonders bei höheren Arbeitspensum sind die Kosten der Erwebstätigkeit höher als der Ertrag. (Siehe dazu auch http://www.egalite.ch/quand-le-travail-coute.html).

Problematisch ist es, für diejenigen, die für ein solches Einkommen hohe Arbeitspensen verrichten. Für sie ist es nämlich fast unmöglich auf alternative Betreuungsformen (z.B. das Grosi) zu setzen. Eine der Ungerechtigkeiten des Subventionsregimes besteht also unter anderem darin, dass die Subventionen pro Kitabetreuungstag gleich hoch sind, egal ob die Partner 200% arbeiten, um 12’000 zu verdienen oder ob sie dieses Einkommen mit einem gemeinsamen Pensum von 140% erzielen.

Ich habe letztes Jahr für ein Buchkapitel die Haushaltsbudgets einer hypothetischen Familie in der Stadt Bern ausgerechnet. Dabei habe ich unterschiedliche Formen der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau modelliert. Beide Partner verdienen den Medianlohn ihres Geschlechts und sie haben zwei Kinder, eines im Vor- und eines im Schulalter. Im ersten Modell 100/100 sind beide Partner voll erwerbstätig. Die Kinder werden während der Arbeitszeiten der Eltern in Kita oder Tagi betreut. Im zweiten Modell 100/40 hat die Frau ein 40% Pensum, das Kleinkind ist 2 Tage pro Woche in der Kita und das Schulkind besucht an zwei Tagen pro Woche die Tagesschule. Im dritten Modell 100/0 ist sie nicht erwerbstätig und betreut die Kinder selber.

TablleStandardbudget

Die Aufstellung (siehe TabelleStadardbudget) zeigt sehr schön auf, warum das Modell 100/100 ein sehr hypothetisches ist. Entscheidet sich die Familie für das 100/40 Modell, hat sie Ende Monat mehr Geld in der Tasche als wenn die Frau 100% arbeiten würde. Bedenkt man, wie anstrengend der Alltag mit Kindern ist, wenn beide so viel ausser Haus sind, kann man sich eigentlich fast nicht vorstellen, dass sich das jemand freiwillig antut. Die Berechnung zeigt auch, warum kürzere Teilzeitpensen bei Müttern so verbreitet sind. Ohne die 40% Stelle der Frau, könnte sich die Familie mit dem Medianeinkommen des Mannes keinen durchschnittlichen Lebensstandard leisten.

Ist es also ungerecht, dass Familien mit einem Haushaltseinkommen von 10’000 bis 14’000 Franken Subventionen an die Kinderbetreuungskosten erhalten? Meine Antwort ist hier klar nein.  Solange diese Kosten nicht grösstenteils von den Steuern abgezogen werden können,  ist es sogar ein Muss, dass auch mittelhohe Einkommen Subventionen erhalten. Ansonsten wären die negativen Anreize auf eine Erwerbstätigkeit der Mittelschichtsfrauen noch höher. Dies würde zur Akzentuierung einer Entwicklung führen, die wir bereits heute feststellen: die Mittelschicht wird zunehmend ausgehöhlt. Auf der einen Seite gibt es reiche Doppelverdiener-Familien, mit hochgebildeten Paaren, welche sich die privaten Betreuungskosten leisten können. Auf der anderen Seite stehen Alleinerziehende und schlecht verdienende Doppelverdiener-Familien, deren Kinderbetreuungskosten grösstenteils staatlich subventioniert sind. Bei der mittel- bis gutausgebildeten Mittelschicht, setzt sich immer stärker das modifizierte Ernährermodell durch (ein Haupternährer, ergänzt um ein kleines Zweiteinkommen der Hauptbetreuerin). Selbst Frauen, welche eigentlich auch gerne mehr erwerbstätig wären, entscheiden sich unter diesen Rahmenbedingungen nur für ein kleines Arbeitspensum.

Der Entscheid für ein kleines Arbeitspensum hat zur Folge, dass die Familie weniger Steuern zahlt und weniger Abgaben an die Sozialversicherungen leistet. Eine andere Folge ist, dass viele Frauen mit guter Ausbildung (nicht die mit einer Topausbildung), dem Arbeitsmarkt nur sehr beschränkt zur Verfügung stehen. Dieses Arbeitskräftedefizit muss mit Fachkräften aus dem Ausland gedeckt werden, welche wiederum ihre Familien in die Schweiz mitbringen und so das Bevölkerungswachstum weiter ankurbeln. Nur dank diesen Arbeitskräften aus dem Ausland, welche ihren Lebensabend häufig nicht in der Schweiz verbringen, können wir aber unsere Sozialwerke überhaupt noch finanzieren. Es fragt sich schon, wie nachhaltig ein Wohlfahrtssystem sein kann, welches einem nicht unbedeutenden Teil der Bevölkerung derart hohe Anreize zur  Nichterwerbstätigkeit bietet.

Ist es also ein Problem, wenn Familien mit mittelhohen Einkommen die subventionierten Krippenplätze belegen und somit zur Platzknappheit beitragen? Nein, wenn Kitas ein Instrument zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein sollen. Diese Förderung sollte meiner Meinung nach gerade auch auf Familien abzielen, die sich die private Lösung (mehr oder weniger) knapp nicht leisten können. Wer Krippen primär als Instrument zur Unterstützung von Bedürftigen, Alleinerziehenden und/oder zur Förderung von Kindern aus benachteiligten Verhältnissen sieht, mag da anderer Meinung sein. Allerdings sollten sich auch diese Leute bewusst sein, dass Integration in sozial durchmischten Gruppen einfacher zu vollziehen ist.

Wenn Frau Fontana also von der ‚Mär der fehlenden Krippenplätze‘ spricht, gebe ich ihr in einem Punkt recht: zusätzlich zur schon fast stereotypen Debatte über die Zahl der Krippenplätze in der Schweiz, brauchen wir dringend eine Debatte über die Finanzierung, die Subventionsregime und letztlich auch über die Zielsetzungen von Kinderbetreuungseinrichtungen in der Schweiz.

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