Über Steuern, Moral und Schneider-Ammann

Johann Schneider-Ammann ist laut Luzerner Zeitung in Bedrängnis. Die Rundschau hatte recherchiert. Frühere Steueroptimierungspraktiken der Ammann-Group unter seiner Leitung könnten eventuell illegal gewesen sein. Hätte Bundesrat Schneider-Ammann in diesem Fall seine Glaubwürdigkeit als Bundesrat, der sich für verantwortungsvolles Unternehmertum in der Schweiz einsetzt, verspielt? Wahrscheinlich schon. Selbst wenn das Verhalten völlig legal gewesen wäre, bleibt der moralische Aspekt: Darf man solche Steuerkonstrukte verwenden?

Ich persönlich hatte zwar immer schon Mühe mit der lange Zeit dominierenden Haltung in der Schweiz, Steuern seien ein Übel, dass es möglichst zu minimieren gelte. Ich erachte dies als eine höchst problematische Haltung gegenüber dem Gemeinwesen. Schneider-Ammann war zudem alles andere als mein Wunschkandidat für die Nachfolge Merz. Dennoch hat die ganze Geschichte für mich einen schalen Beigeschmack:

Gerade weil sich die Wertvorstellungen im Bereich Steuermoral in den letzten Jahren gewandelt haben (Stichworte: graue Liste, Weissgeldstrategie, etc.), finde ich es heikel jemandem einen Stick zu drehen, der eigentlich nur das getan hat, was wohl die meisten damals in einer vergleichbaren Situation getan hätten. Hilfe zur Steueroptimierung war — und ist wohl in abgeschwächter Weise immer noch — ein Pfeiler der Schweizer Finanzwirtschaft, mit vielen Unternehmen und Arbeitsplätzen. Wie legitim ist es da, früheres Verhalten oder das Verhalten von Personen, die besonders stark in der Öffentlichkeit stehen, mit anderen (oder gewandelten) Moralvorstellungen zu bewerten?

Bevor ich mich auf die Person Schneider-Ammann einschiessen würde, würde mich dann zumindest auch noch interessieren, wie viele mit der Ammann-Group vergleichbare Firmen ebensolche oder zumindest ähnlich grenzwertige Konstrukte verwendet haben. Meine Vermutung ist: ein grosser Teil. Auch würde ich dafür plädieren, das Verhalten der Firma insgesamt zu betrachten. Das EWR-Nein, daran erinnere ich mich, war für die Ammann-Group ein harter Schlag. Besonders steuergünstig ist Langenthal nicht. Und trotzdem ist die Firma in der Schweiz und an ihrem Standort geblieben und hat der Region viele wichtige Arbeits- und Ausbildungsplätze geboten. Mit einem grossen Angebot an qualitativ hochstehenden Ausbildungen hat sie zu einem Teil auch öffentliche Aufgaben wahrgenommen, für die die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler nicht aufkommen mussten. Zumindest müsste man bei der Bewertung des Unternehmers Schneider-Ammann, den Millionen, die die Firma durch  Finanzkonstrukte einsparen konnten, die Millionen entgegenhalten, die sie durch ihr Engagement in anderen Bereichen der Öffentlichkeit wieder zurückgegeben hat. 

Zuletzt würde ich auch interessieren, wer eigentlich hinter der Geschichte steht. Hat die Rundschau von sich aus ermittelt?  Oder wurde die Rundschau von Dritten auf die Geschichten aufmerksam gemacht haben? Wenn letzteres, was war der Beweggrund dieser Informanten: ging es tatsächlich um Aspekte der Steuermoral oder vielleicht eher um politische Motive, d.h. darum Schneider-Ammanns Position im Bundesrat zu schwächen. Schliesslich wird der Zirkus um die Verteilung der Sitze im Bundesrat ja bald wieder los gehen…

Gegen die Kollektivbestrafung

Während die Gesellschaft immer individualisierter wird, reagiert sie auf problematisches Verhalten Einzelner immer häufiger mit einer Beschränkung der Allgemeinheit.

Als ich 12 Jahre alt war, zogen wir nach einem längeren Auslandaufenthalt wieder in die Schweiz. Sämtliche der Nachbarskinder, mit denen ich in der Folge meine Nachmittage auf Quartiersträsschen spielend verbrachte, mussten immer um 18 Uhr zuhause sein. Um 18 Uhr war Zeit fürs Znacht. Und das in allen Familien. Nur meine Eltern hielten sich nicht an diese Konvention (Mein Vater pendelte und kam später und auch nicht immer zur gleichen Zeit nachhause). Ich lernte aber sehr rasch, dass ich meine Gspändli zwischen 18 Uhr und 18Uhr30 weder anrufen noch hinausklingeln durfte. Das galt als sehr rücksichtsloses Verhalten.

Heute gibt es wohl immer weniger Familien, die täglich zur selben Zeit Essen. Auch sonst gibt es weniger Konventionen, Normen und Sitten. Rücksichtsvoll sein – damit haben wir es auch nicht mehr so stark. Selbstverwirklichung, Kreativität, und Individualität gelten als ebenso wichtig – und manchmal leider auch auf Kosten der Rücksicht.

Ich gehöre nicht zu jenen, die sich nach den alten, engen gesellschaftlichen Korsetten zurücksehen, die sich die Gesellschaft kollektiv auferlegt hat. Aber ich beobachte, dass wir zunehmend, das was früher über gesellschaftliche Verhaltensnormen geregelt war, über generelle Regeln und Verbote erreichen wollen. Anstatt diejenigen direkt zurechtzuweisen oder zu bestrafen, die sich rücksichtslos verhalten und gesellschaftliche oder staatliche Normen brechen, werden Regeln gefordert, die zu einer Einschränkung der Allgemeinheit führen. „Bestraft“ werden damit auch alle, die sich korrekt verhalten. Das ist ein hoher Preis, den wir für den Verlust gesellschaftlicher Normen bezahlen.

Ich könnte zig Beispiele nennen. Da gibt es den Fall des Freizeitbades, das angibt, nach dem Besuch einer Behindertengruppe Fäkalien im Wasser gefunden zu haben. Anstatt die betreffende Gruppe darüber zu informieren und entsprechende Schutzwäsche zu fordern, reagiert das Bad mit der generellen Zutrittsverweigerung für behinderte Menschen. Was ist die Reaktion auf Probleme mit Jugendlichen, die im öffentlichen Raum Trinkgelage abhalten? Ein generelles nächtliches Alkoholverkaufsverbot. Und weil sich ein Teil der Besucher von Sportveranstaltungen regelmässig zu Gewaltexzessen hinreissen lässt, werden kollektiv gegen alle Fans der betroffenen Veranstaltungen Zwangsmassnahmen verhängt.

Man kann nun argumentieren, die Sportfans seien ja selber schuld, wenn sie die radikalen Elemente in ihren Reihen nicht im Griff hätten. Dies ist die gängige Argumentation in der Schweiz – auch in Zusammenhang mit Protestgruppen und Demonstrationen. Die Kollektivbestrafung ist aber einfach eine Kapitulation vor den Rücksichtlosen, die zum weiteren Verlust der gesellschaftlichen Selbstregulierungsfähigkeit beiträgt.

Was viele verkennen, ist, dass mit der Kultur der Kollektivbestrafung gesellschaftliche Verhaltensregeln weiter unterminiert werden. So werden zum Beispiel diejenigen Fans, die eigentlich nichts mit Hooliganismus anfangen können, aufgrund der Zwangsmassnahmen denen sie ausgesetzt sind, mitradikalisiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in den Fanklubs eine friedlichere, oder gar gewaltverachtende Fankultur herausbilden kann (das absolut günstigste und wirksamste Mittel gegen Fangewalt – siehe z.B. USA) sinkt gegen Null.

Die Lösung ist natürlich nicht, dass man die Rücksichtslosen und Gewalttätigen einfach machen lässt. Im Gegenteil, was es braucht sind griffige aber sehr gezielte Mittel und ein konsequentes Eingreifen gegen dieses Verhalten. Die Devise sollte lauten, die Individuen, die sich korrekt verhalten, vor der Vereinnahmung durch Rücksichtslose zu schützen – seien dies nun Fans, Demonstrierende, Konsumentinnen, Jugendliche, Eltern, Behindertenbetreuer oder was auch immer. In der kurzen Frist mögen gezielte Massnahmen teurer und schwieriger sein und mehr Engagement verlangen als die einfacher auszusprechenden generellen Verbote. In der langen Frist würden sie sich aber auszahlen. Der Preis der generellen Verbote und Kollektivbestrafungen ist viel höher. Sie fördern Wut und Aggressionen, und führen zu einem Verlust an Selbstverantwortung, Rücksichtnahme und letztendlich Freiheit.

Die Haltung der CVP-Spitze zur Familieninitiative: eine nette und eine böse Interpretation

Die SVP gibt vor, es gehe ihr bei der Familieninitiative um die Gleichstellung von Familienmodellen. Dies ist allerdings ein Trugschluss. Die SVP-Familieninitiative ist keine Vorlage für Familien, sondern eine Vorlage gegen die Aufweichung traditioneller Geschlechterrollen. Dies haben die CVP-Frauen erkannt und es ist ihnen gelungen die Parteidelegierten bei der Parolenfassung auf ihre Seite zu bringen (Tagesschaubeitrag vom 26.10.2013). Zudem ist die Vorlage teuer und hilft vor allem den begüterten (besonders eindrücklich dazu die Grafik von l’Hebdo). Wer sich genauer mit der Vorlage beschäftigt, sieht die Schwächen der Vorlage relativ rasch. Und so hat die CVP, die sich als Familienpartei positioniert, nun die Nein Parole beschlossen. Die Frage ist, ob sich die Stimmbürgerinnen genügend mit der Vorlage beschäftigen werden, um deren Schwächen auch zu erkennen. Zumindest die Parteileitung scheint dies eher zu bezweifeln und setzte sich mit Blick auf die CVP-Basis für ein Ja ein. Dies ist meine nette Interpretation der Haltung der Männer dominierten CVP-Spitze.

Erwähnenswert ist, dass in der CVP die Contra-Position eher von den Frauen kommt, während die Pro-Position tendenziell von den Männern geäussert wird. Meine böse Interpretation ist, dass es halt die Männer sind, die von der traditionellen Rollenteilung mehr profitieren konnten als die Frauen. Es ist doch schon auch auffällig, wie viele Männer derzeit über den Wert der unbezahlten Haus- und Betreuungsarbeit sprechen. Gleichzeitig fordern diese aber überhaupt nichts, was ihnen ermöglichen würde, selber mehr von dieser absolut wichtigen und wertvollen Arbeit leisten zu können (wie z.B. Elternurlaub, eine generelle Arbeitszeitverkürzung oder ein Recht auf Teilzeitarbeit).

Lieber ist ihnen jedes Mittel genehm, diese Aufgaben als primär weiblich – und insbesondere – mütterlich zu definieren, um so tradierte Rollenbilder, welche die Mütter entweder aus der Erwerbswelt ausschliessen oder diese als Zuverdienerinnen und Arbeitnehmerinnen zweiter Klasse degradieren, zu rechtfertigen. Sie sind sogar bereit eine problematische Vorlage zu unterstützen, deren eigentlicher Zweck ist, die bessere Rentabilität von Zweiteinkommen möglichst zu verhindern. Und dies noch mit Gerechtigkeits- und Gleichstellungsargumenten. Das tut irgendwie schon fast weh. Und ich hoffe nur, dass möglichst viele Frauen, und selbst die, die von der Vorlage vordergründig profitieren würden, erkennen, dass es hier um eine Vorlage geht, die gegen sie gerichtet ist (siehe hierzu auch mein Post „Moderne Familienpolitik: (k)eine Kampfansage an Hausfrau und Mutter“ – bitte bis zum Schluss lesen!). Und ich hoffe, dass viele Männer – auch solche aus dem bürgerlichen Lager – erkennen, dass dies keine gute und schon gar keine gerechte, geschweige denn freiheitliche, Politik sein kann.

Wenn unbezahlte Betreuungsarbeit plötzlich was kosten darf: der Zweck heiligt die Mittel

Etwas Gutes hat die Debatte über die Familieninitiative: plötzlich sprechen selbst die Konservativsten davon, wie wertvoll doch die Betreuungsarbeit sei und wie wichtig es sei, dass man dafür „auch etwas bekomme“. Ja, die unbezahlte Betreuungsarbeit, welche tagtäglich geleistet wird, ist sehr wertvoll. Und ja, die Betreuungsarbeit erhält zu wenig gesellschaftliche Anerkennung. (Das gilt übrigens auch für die professionelle Betreuungsarbeit. Diese wertvolle, anspruchsvolle und anstrengende Arbeit wird in unserer Gesellschaft auch eher schlecht entlohnt.)

Ist aber der von der SVP vorgeschlagene Steuerabzug ein guter – und vor allem gerechter – Weg, die unbezahlten Betreuungsleistungen und die damit verbundene Hausarbeit zu honorieren? Bei denjenigen, die viel Steuern zahlen, schenkt der Abzug mehr ein. Je mehr der Mann verdient, desto mehr erhält seine Frau also für ihre Dienstleistungen zuhause. Manchen mag das richtig und fair erscheinen. Eine gute Hausfrau und Mutter wird die Karriere ihres Mannes vorantreiben. Sie hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um Haushalt, Kinder und soziale Kontakte, damit er sich ohne andere Verpflichtungen um die Maximierung des Einkommens kümmern kann. Da sollte sie schon eine höhere staatliche Entschädigung für die Betreuung der Kinder zuhause bekommen als eine Hausfrau, deren Mann es nicht sehr weit gebracht hat. Logisch – oder?

Teilt sich ein Paar die Betreuung der Kinder gleichwertig auf, wird es eher schwierig, ein hohes Einkommen zu erzielen. Aber wahrscheinlich ist dieses Paar aus Sicht der SVP selber Schuld. Da es sich nicht an das bewährte Hausfrau-Ernährer-Modell hält, kriegt es halt weniger staatlichen Zustupf für die Betreuung seiner Kinder. Eine geschlechtergerechte Aufteilung der Betreuungsarbeit sollte nicht noch zusätzlich honoriert werden…

Noch schlechter sieht es aus für Alleinerziehende, die keine oder nur niedrige Alimente erhalten. Wollen diese ihre Kinder selber betreuen sind sie auf Sozialhilfe angewiesen und zahlen kaum Steuern. Sie erhalten also abgesehen von der Überlebenssicherung keine staatliche Subvention für die riesige Betreuungsleistung, die sie ganz alleine meistern.

Entgegen den Versprechungen der SVP hat die SVP-Familieninitiative wenig mit einer gerechten Honorierung der Betreuungsarbeit zu tun. Viel mehr ist das Ziel, den Steuerabzug für Fremdbetreuungskosten wo immer möglich zu verhindern (siehe dazu auch hier und hier). Erwerbsarbeit für Frauen soll sich nicht auszahlen. Denn sonst würden ja traditionelle Rollenideale für Frauen und Männer noch stärker in Frage gestellt. Und vor allem diese werden mit der SVP-Initiative staatlich subventioniert.

Medien. Auf dem rechten und linken Auge blind

Die Medien, so höre ich immer wieder, sind alle auf dem rechten Auge blind. Auch von Bundespräsident Ueli Maurer, der diesen Vorwurf in seiner Rede am Schweizer Medienkongress vorbrachte. Medien hätten ihre Thesen, welche sie nie in Frage stellten. So steht in seiner Rede zu den anwesenden Medienschaffenden: „Ich nenne Ihnen hier einige Ihrer Glaubenssätze:

  • Der Klimawandel ist dem Menschen anzulasten.
  • Atomenergie ist böse, Alternativenergien sind gut.
  • Einwanderung ist eine Bereicherung, auch dann noch, wenn in einem kleinen Land die Nettozuwanderung um die 80‘000 Personen pro Jahr beträgt.
  • Internationale Lösungen sind immer besser als nationale.
  • Die Schweiz ist immer im Unrecht, die Vorwürfe an unser Land können noch so absurd und durchsichtig sein.
  • Der Staat ist verantwortungsvoller als der Bürger.“

Es mag ja sein, dass in der Zunft der Medienschaffenden (vor allem bei den Medien mit überregionaler Ausstrahlung) ein urbanes, sozial- und umweltbewusstes Bildungsbürgertum eher übervertreten ist. Ihnen pauschal oben genannte Thesen als Glaubensbekenntnisse zu unterstellen, ist wohl eher politische Rhetorik denn Realität.

Meinungsvielfalt vermisse in den Medien zwar auch. Das Problem ist allerdings, dass die Medienschaffenden oft überhaupt keine Meinung mehr äussern und vertreten. Und hier haben die Verleger durchaus eine Verantwortung: es sollen keine Inserenten oder Leserinnen vergrault werden, indem man sich politisch zu weit hinauslehnt. Bezeichnend ist hier die Geschichte mit der Annabelle Chefredaktorin, die nach Zurückpfiff von Tamedia-Verleger Supino auf die Promotion von Quoten in der Zeitschrift verzichtet. Man einigte sich darauf, dass politische Kampagnen in einer Frauenzeitschrift nichts verloren hätten. Schade eigentlich.

Passend dazu auch folgender Schwank aus meinem Leben. Als junge Studentin habe ich für eine Regionalzeitung gejobbt. Einmal durfte ich zusammen mit einem Regionalredaktor (bekennendes SP-Mitglied) und der Fotografin über den Jubiläumsanlass einer Landmaschinenfabrik berichten. Es war ein Grossereignis für die Region, vor allem auch weil es den Organisatoren gelungen war, mehrere hochrangige Bauernpolitiker für eine Diskussionsrunde zu gewinnen. Wir hatten also den Auftrag, eine ganze Seite zu gestalten, die bereits am nächsten Tag erscheinen sollte. Dies bedeutete zwar eine Nachtschicht, aber die Seite wurde wunderschön — bebildert mit Riesentraktoren, prallvollem Festzelt und Promis. Einziger Makel, aus der Sicht des Landmaschinenfabrikanten, der Redaktor und ich hatten die Frechheit, einen kleinen Kommentar dazu zu schreiben, indem wir leichte Kritik an der Diskussionsrunde (bei der Studierende kritische Fragen stellten, welche von den Politikern nicht beantwortet wurden) übten. Die Folge: wir wurden vom Chef zitiert. Auch mussten wir zu einer Aussprache mit dem Landmaschinenfabrikanten, der es nicht fassen konnte, dass wir die an und für sich prachtvolle Gratiswerbeseite für seinen Betrieb, mit unserem Kommentar getrübt hatten. Dabei versuchte er uns „Sozis“ davon zu überzeugen, dass doch das marktwirtschaftliche Modell das einzige sei, das wirklich funktioniere. Zu meiner Verteidigung konnte ich dazu lediglich sagen, dass ich die Kritik an einem staatlichen Subventionssystem keineswegs als Kritik am Kapitalismus verstehe. Aber ich weiss nicht, ob dies wirklich angekommen ist. Schliesslich werden die Subventionen ja an die Bauern ausbezahlt, welche dann damit auf dem freien Markt Landmaschinen und Saatgut etc. kaufen…

Wie häufig sich Medien selber Maulkörbe auferlegen, um gute Kunden nicht zu verärgern, weiss ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass so etwas gerade auf lokaler/regionaler Ebene kein Einzelfall war und immer noch vorkommt. Zumindest fällt auf, dass die wenigen Medien, welche noch immer auf Thesenjournalismus setzen und eine klare politische Vision vertreten — sei diese rechts oder links — nicht primär aufgrund von Inseraten und Abos überleben, sondern aufgrund von Spendern/Gönnern mit politischen Interessen (siehe z.B. WOZ oder Weltwoche). Wenn also die Medienschaffenden unabhängig und meinungsvielfältig berichten sollten, dann ist es wohl unumgänglich, sich über die Finanzierung der Medienarbeit vertiefter Gedanken zu machen.

Geschlechtergerechtigkeit geht nur ohne Wehrpflicht für Männer

Am 22. September lege ich mit Überzeugung ein Ja zur Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer in die Urne. Dies nicht, weil ich gegen die Armee bin und diese abschaffen möchte. Nein, ich will mit meiner Stimme ein Signal setzen gegen eine Verfassungsbestimmung, die meiner Vorstellung von Geschlechtergerechtigkeit zutiefst wiederspricht. Die Wehrpflicht für Männer ist eine staatliche Zementierung bestimmter Geschlechterrollen. Die Norm geht davon aus, dass die militärische Landesverteidigung Männersache ist. Frauen, so die Annahme sind für diese Aufgabe weniger geeignet und diese leisten ja mit der unbezahlten Pflege- und Hausarbeit bereits freiwillig genug Dienst an der Allgemeinheit.

Bezeichnend ist, dass Männer, die anstatt einer militärischen Kampfausbildung, Zivildienst im sozialen Bereich leisten, zu einem bedeutend längeren Dienst verpflichtet werden. Damit wird unter anderem signalisiert, dass die in militärische Ausbildung investierte Zeit wertvoller ist, als die in soziale Pflegearbeit investierte Zeit. Die gesellschaftliche Herabwertung typischer Frauenarbeit gegenüber typischer Männerarbeit ist eine der Hauptmechanismen zur Erhaltung von Geschlechterungleichheit und patriarchalischer Machtstrukturen. Es geht nicht an, dass ein moderner Staat diese Herabwertung in einer Verfassungsnorm zur gesellschaftlich anerkannten Norm setzt!

Direkt diskriminiert werden durch den Verfassungsartikel zudem alle, welche sich mit dieser klaren Rollenzuteilung nicht identifizieren können. Dies sind auf der einen Seite die Frauen, die sich in der militärischen Landesverteidigung engagieren wollen. Sie mussten sich das Recht auf Militärdienst hart erkämpfen. Nach wie vor werden weibliche Angehörige der Armee aber eher belächelt und sie müssen ihre Wahl viel stärker rechtfertigen als die Männer. Sie können aufgrund der ungleichen rechtlichen Bedingungen nicht unter denselben Voraussetzungen mitmachen, wie ihre männlichen Kollegen.

Direkt diskriminiert werden auch alle Männer, welche sich nicht mehr mit der traditionellen Männerrolle identifizieren können. Sie übernehmen heute vielleicht sogar noch mehr Betreuungsarbeit als ihre Partnerinnen. Trotzdem müssen sie zum Militär- oder Zivildienst. Wie soll das nun gehen, wenn er in den Zivildienst muss und sie voll erwerbstätig ist – wer betreut dann die Kinder? Es geht doch nicht an, dass aufgrund der Wehrpflicht für Männer eine Familie daran gehindert wird, eine andere interne Rollenteilung zu wählen als die traditionelle.

Da die heutige Armee bereits heute eher zu gross ist, macht eine Ausdehnung  der allgemeinen Wehrpflicht auf die Frauen wenig Sinn. Ich bin daher klar für die Abschaffung der Wehrpflicht für Männer. Eine Möglichkeit wäre, diese durch eine freiwillige Miliz zu ersetzen, welche Frauen und Männern, die sich für die Landesverteidigung einsetzen wollen, gleiche Spiesse gibt. Eine andere Möglichkeit wäre die Einführung einer allgemeinen Pflicht zum Dienst an der Gesellschaft für alle Schweizerinnen und Schweizer, der gleichwertig im zivilen oder militärischen Bereich geleistet werden könnte. Diese wäre  durchaus auch eine geschlechtergerechte Lösung.

Zweiteinkommen – von wegen Luxus

Nach der Abstimmung zum Familienartikel erschien in der Aargauer Zeitung ein Interview, in dem ich auf die Gründe und mögliche Folgen der Nichtannahme hingewiesen habe. Zustimmende Kommentare gab es keine und der Titel, in dem ich als „Familien-Expertin“ bezeichnet werde, hat diese wohl noch gefördert. Nachdenklich gestimmt hat mich aber vor allem folgendes Statement einer Kommentatorin:

„Ich bin glücklich über das Abstimmungsergebnis. Es geht mir nicht um diejenigen Frauen, welche arbeiten müssen (zuwenig Geld) oder Alleinerziehend. Aber ich sehe in meiner Firma genügend Frauen, welche „des Luxus“ Willen arbeiten und das Kind wird einfach in die Krippe abgegeben! Und das ganze wird von uns Steuerzahlern finanziert? NEIN DANKE!

Diese Frau betrachtet Zweiteinkommen als Luxus. Ist das wirklich so? Der Familienmonitor des gfsbern.ch, zeigt deutlich, dass diese Sichtweise falsch und problematisch ist. Denn auch mit Zweiteinkommen (die meisten Familienhaushalte mit zwei Elternteilen verfügen inzwischen über ein solches) werden die Familien in der Mehrheit an den unteren Rand der Einkommensskala gedrängt.

Mit Luxus hat das zweite Einkommen also für die meisten wenig zu tun. Viel mehr scheint es als  eher verzweifelten Versuch, den Status zu erhalten, wenn Kinder im Haushalt leben. Verzweifelt, weil es vielen eben trotz allem nicht gelingt. Familien geraten immer stärker unter Druck. Laut Familienmonitor haben sich die finanziellen Bedingungen der Familien fast durchwegs verschlechtert. In der neusten Ausgabe des Familienmonitors werden 74 Prozent der befragten Personen in Familienhaushalten mit einem Mittelschichtseinkommen der unteren Mittelschicht zugeteilt. Nur knapp 7 Prozent gehören zur oberen Mittelschicht. Auch andere Statistiken zeigen, dass Familienhaushalte bei den „Einkommensschwachen“ und in der „unteren Mitte“ klar übervertreten sind (Bundesamt für Statistik: „Die Mitte im Fokus“, S. 19). Und dazu gehören nicht nur die Einelternfamilien oder die kinderreichen Familien. Auch die „typische“ Kernfamilie, Vater – Mutter – ein/zwei  Kinder, ist im unteren Bereich deutlich übervertreten.

Sicher basiert der Verzicht auf Einkommen und die damit verbundene Investition in Familienzeit zum Teil auf freier Wahl. Aber eben nur teilweise, wie der Bericht weiter aufzeigt (siehe dazu  meinen Kommentar, welcher dem Bericht angehängt ist.) Die Kosten des Zweiteinkommens sind oft so hoch, dass sich mehr als ein kleines Teilpensum einfach nicht lohnt. Wie verschiedene Studien und auch meine Berechnungen für die Stadt Bern zeigen, sind die Steuer- und Subventionssysteme für die Kinderbetreuung in der Schweiz nicht selten so ausgestaltet, dass sich höhere Pensen negativ auf das Einkommen auswirken. Betroffen ist davon sind vor allem mittelhohe Einkommen.

Der eigentliche „Luxus“, den wir uns in der Schweiz leisten, in diesem Einkommenssegment, derart starke Anreize gegen die Erwerbsarbeit von Müttern zu setzen. Dies obwohl eigentlich klar ist, dass die öffentlichen Gelder, welche in die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in Form von längerfristig höherem Steuervolumen und höheren Beiträgen an die Sozialversicherungen längst kompensiert werden.

Die Kosten der negativen Anreize gegen die Erwerbsarbeit von Müttern, tragen die Familien. Besonders eng wird es vor allem für die, welche jung Kinder haben und nicht auf angesparte Gelder durch eine längere Phase mit Doppeleinkommen zurückgreifen können. Mir ist eigentlich unbegreiflich, wie man anhand der deutlichen Statistiken und Trends der Ansicht sein kann, Zweiteinkommen seien ein Luxus.

Man kann ja schon argumentieren, Familien mit Zweiteinkommen müssten denen, welche ihre Kinder selber betreuen, gleich gestellt werden. Man sollte sich einfach bewusst sein, dass die Zahlungskraft in der Schweiz bereits heute immer stärker durch kinderlose Haushalte bestimmt wird. Anstatt Familienmodelle gegeneinander auszuspielen, wäre eher angebracht zu überlegen, wie verhindern werden kann, dass die Familien noch stärker an den Rand gedrängt werden.

Für die Freiheit und gegen die Anti-Staats-Mentalität

Es gibt Menschen, für die ist der Staat der Totengräber der Freiheit. Sie wettern gegen Bürokratie, Staatsschulden und Interventionismus und schwärmen von der Verantwortung des Einzelnen. Gestern war es beispielsweise Gottlieb Höpli in der NZZaS. Er stellt fest: „ Ob es sich um Alkoholprävention oder Übergewicht handelt, um Kinderkrippen oder den Lehrplan 21 oder gar den staatlich kanalisierten Sexualverkehr in Verrichtungsboxen – die Vereinnahmung des Einzelnen durch den Staat schreitet unaufhaltsam voran.“

Ich halte wenig von einer solch undifferenzierten Haltung gegenüber dem Staat. Mir ist auch nie ganz klar, was denn für die Anti-Staats-Rhetoriker genau „der Staat“ ist. Die Verfassungsartikel und die darauf aufbauenden Gesetze und Verordnungen (also das Normen-Gerüst)? Oder die Staatsangestellten, welche diese Normen anwenden und auslegen? Oder die politischen Behörden, welche die Normen in unserem Auftrag aushandeln? Oder sind es gar alle, welche sich in der Volksabstimmung mehrheitlich hinter ein neues Gesetz oder einen neuen Verfassungsartikel stellten? „Vereinnahmen“ wir uns sozusagen selber?

…teilweise gipfelt die Anti-Staatsrhetorik tatsächlich in einer regelrechten Angst vor der Mehrheit der Wählerschaft.

Zumindest teilweise gipfelt die Anti-Staatsrhetorik tatsächlich in einer regelrechten Angst vor der Mehrheit der Wählerschaft. Vor einiger Zeit las ich das Pamphlet eines neoliberalen Professors, der ernsthaft vorschlug, man solle denjenigen, die „auf Kosten der Steuerzahler“ leben das Wahlrecht entziehen. Damit meinte er nicht nur Personen, welche von der Fürsorge abhängig sind. Nein auch Staatsangestellte und Personen, welche von öffentlichen Aufträgen oder Subventionen leben sollen die Mitwirkungsreche entzogen werden. Dieser Vorschlag ist nicht nur zutiefst anti-demokratisch er zeugt auch von einem extrem verkürzten Staatsverständnis, welches eigentlich schon fast lächerlich ist.

Einigermassen vernünftige Menschen erkennen, dass eine moderne, effiziente und hochausdifferenzierte Wirtschaft ohne ein gut organisiertes Gemeinwesen nicht funktionieren kann. Es gibt kein einziges vernünftiges Argument, warum jemand, der seine Arbeitsleistung in den Dienst der Allgemeinheit stellt – sei es nun als Polizistin, Lehrer, Stadtgärtnerin, Steuerbeamtin, Strassenkehrer oder Bauunternehmer, welcher das Parlamentsgebäude renoviert – nicht auch mit darüber entscheiden darf, wie dieses Gemeinwesen organisiert werden soll.

Unsere Gesellschaft hat sich sehr weit von der einstigen Selbstversorgergesellschaft wegentwickelt. Wir betreiben eine hochkomplexe Arbeitsteilung und da ist doch klar, dass auch das Gemeinwesen komplexer wird. Dieses sollte in der Lage sein, den gestiegenen Anforderungen entsprechende Lehrpläne zu formulieren oder die gesellschaftlich getragenen Kosten (negative Externalitäten) von Alkoholsucht, Übergewicht oder Sexgewerbe einzudämmen. Religiöse Normen haben in dieser Gesellschaft an Bedeutung verloren und an deren Stelle treten heute häufig staatliche Normen – ganz einfach deshalb, weil unsere Gesellschaft ohne Regeln nicht funktionieren kann.

Unser Erfolgsrezept lautet – und davon bin ich zutiefst überzeugt – ein politisches System zu haben, welches auf Stabilität und Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen beruht.

Klar, unser Gemeinwesen ist nicht perfekt organisiert. Klar Bürokratie kann nerven. Mich manchmal auch. Aber der Staat an sich ist nicht das Problem – ohne diesen würde unser Land nicht funktionieren. Das Problem ist, wenn wir uns vor lauter Anti-Staats-Rhetorik die Option verbauen, unser Gemeinwesen an gewandelte gesellschaftliche Bedingungen anzupassen. Unser Land ist eines der reichsten auf der Welt und dies deutet darauf hin, dass wir die Organisation unseres Gemeinwesen nicht so schlecht geschafft haben. Unser Erfolgsrezept lautet – und davon bin ich zutiefst überzeugt – ein politisches System zu haben, welches auf Stabilität und Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen beruht. Zudem und genauso wichtig ist auch, dass es uns bisher meist gelang, flexibel auf neue Herausforderungen und Probleme zu reagieren. Wer, wie die Anti-Staatsrhetoriker, pauschal gegen Steuern schreit und jegliche Ausdehnung der staatlichen Regulierung verteufelt, gräbt an den Fundamenten unseres Gemeinwesens. Die Herausforderung der heutigen Zeit ist es, in einer hochkomplexen Welt Regulierungslösungen zu finden, die sicher stellen, dass öffentliche Gelder dorthin verteilt werden, wo sie am effektivsten verwendet werden. Dazu braucht es Handlungsfähigkeit, Reformfähigkeit und eine gewisse Portion an Vertrauen in unseren Staat. Aber es braucht auch weiterhin das Mitdenken und Mitwirken aller Betroffenen. Ohne eine gesunde Skepsis laufen wir Gefahr, dass unsere Interessen vergessen gehen.

Effektiv sind Regulierungen dann, wenn sie die Kosten, die ein Individuum der Gesellschaft aufbürden kann, minimiert werden und gleichzeitig die Eigeninitiative maximiert wird. Solche Regulierungslösungen finden wir nicht, indem wir den Staat generell schwächen. Im Gegenteil sie erfordern einen starken Staat, der innovieren kann, wenn alte Politiken nicht funktionieren, der gegensätzliche Ziele soweit koordinieren kann, dass kohärente Lösungen möglich werden. Einen Staat, der in der Lage ist, auch diffuse und schlecht organisierte Interessen zu berücksichtigen. Einen Staat, der alle an den Kosten beteiligen kann – auch die mächtigen Interessengruppen. Und einen Staat, der Ausgleich schaffen kann und politische Spannungen zu reduzieren vermag.

Sicher, Eigenverantwortung und Eigeninitiative sind wichtige Antriebe einer funktionierenden Gesellschaft und Wirtschaft. Sie bringen die Gesellschaft aber nur dann weiter, wenn es dieser gelingt, sie so zu kanalisieren, dass der Einzelne nicht die Anderen für seine persönlichen Ziele und seinen persönlichen Profit vereinnahmen kann. Nur dann nämlich ist sichergestellt, dass die Freiheit des Einen nicht die Abhängigkeit des Anderen bedeutet.

Moderne Familienpolitik: (k)eine Kampfansage an die Hausfrau und Mutter

Kann man die staatliche Politik so ausgestalten, dass jeder — und vor allem auch jede — frei entscheiden kann, wie die Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit im Haushalt organisiert wird? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Und ehrlich gesagt, ich denke, dass es schwierig ist.

Ich möchte nochmals betonen, dass für mich eine moderne Familienpolitik nicht primär darin bestehen soll, die Menschen möglichst von der unbezahlten Betreuungsarbeit zu ‚befreien’, sondern ihnen zu ermöglichen, Betreuungsarbeit auch dann zu selber leisten, wenn sie erwerbstätig sind. In meinem letzten Blogbeitrag habe ich versucht darzulegen, wie die idealen staatlich gesetzten Rahmenbedingungen aussehen müssten, damit Frauen und Männer die gleichen Chancen hätten, sich in Betreuungsarbeit und Erwerbsarbeit einzugeben, ohne dass man einen grossen Teil der Betreuungsarbeit an staatlich subventionierte Betreuungsinstitutionen delegieren müsste und ohne, dass dabei die beruflichen Ambitionen aufgegeben werden müssten. Dazu gehören in erster Linie das Recht für Männer und Frauen, sich für gewisse Phasen in denen eine intensive Betreuung nötig ist, bezahlt (teil-)beurlauben zu lassen. Dazu gehört auch zwingend ein Nachdenken über unsere Arbeitszeitmodelle.

Klar ist aber auch, dass dieses Modell mit dem traditionellen Modell der Hausfrau und Mutter nur bedingt kompatibel ist: Kürzere Arbeitszeiten und mehr (potentielle) Absenzen der Männer würde deren Löhne in ähnlicher Weise drücken, wie dies heute für die Frauen der Fall ist. Das hätte zur Folge, dass ein durchschnittliches Einzeleinkommen nicht mehr für den Mitunterhalt der Partnerin reichen würde. Eine traditionelle Rollenteilung wäre dann nur noch während der festgelegten Zeit des Betreuungsurlaubs möglich. Ein dauerhafter Rückzug aus dem Erwerbsleben käme nur noch für Paare in Frage, bei denen einer der beiden Partner ein klar überdurchschnittliches Einkommen erzielt. Das traditionelle Ernährermodell würde noch mehr zu einem Luxus als es dies bereits jetzt der Fall ist.

Ich finde es nicht unmodern, sich für die Rolle der Hausfrau und Mutter (oder des Hausmanns und Vaters) zu entscheiden. Im Gegenteil, Frauen (und Männer), die sich frei für diesen Lebensentwurf entschieden haben, dazu stehen und dabei glücklich sind, verdienen Anerkennung. Generell besteht in der Gesellschaft eine Tendenz zur Abwertung der Haus- und Betreuungsarbeit. Dabei sind diese Arbeiten unverzichtbar und für das Wohlbefinden aller Familienmitglieder und insbesondere der betreuten Menschen unendlich wertvoll.

Was mich stört, ist die gesellschaftliche Erwartung, dass diese Aufgaben vor allem von Frauen durchzuführen sind und, dass sich diese um die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen zu können, in die Abhängigkeit eines Mannes geben müssen, der für sie dann ein Einkommen generiert. Dies ist unmodern und nicht mit den Idealen eines freien, für sich selbst verantwortlichen Menschen zu vereinbaren. Wer in der Betreuung anderer Familienmitglieder seine Berufung sieht und damit glücklich ist, der würde in meiner „idealen Gesellschaft“ dafür auch die verdiente Wertschätzung erfahren und insbesondere keine wirtschaftlichen Nachteile erleiden.

Mühe habe ich aber mit der gesellschaftlichen Vorstellung, dass eine Frau nur dann ein „richtiges Mami“ sein kann, wenn sie zumindest für die ersten Lebensjahre ausschliesslich zuhause bleibt. Solche Vorstellungen sind ein Affront gegenüber allen arbeitenden Müttern, die in der Regel doppelte Schichten arbeiten und auf persönliche Freizeit fast vollständig verzichten, um es ihren Kindern und ihren Vorgesetzten recht zu machen, und insbesondere gegenüber denjenigen, die arbeiten müssen, um nicht sozialhilfeabhängig zu werden.

Wer der Ansicht ist, Mütter müssten in den ersten Jahren zwingend bei ihren Kinder sein, müsste konsequenterweise für Politiken einzustehen, die auch ärmeren oder alleinerziehenden Müttern Wahlfreiheit ermöglichen. Wer aber nur dann von Bedürfnissen der Kinder und guten Müttern spricht, wenn es darum geht, steuerliche Anreize gegen die Erwerbsarbeit von abhängigen Ehefrauen zu befürworten, oder andere Formen der Vereinbarkeitspolitik zu verhindern, ist unglaubwürdig.

Als unmodern erachte ich auch politische/wirtschaftliche Anreizstrukturen, welche die Erwerbstätigkeit der Ehepartnerin zu einem ‚Hobby’ degradieren, welches sich – besonders bei einem höheren Arbeitspensum  – gar nicht mehr lohnt oder sogar kostet. In der Schweiz sind solche Anreizstrukturen vor allem im Bündel der Steuer-, Lohn- und Subventionssysteme nach wie vor klar vorhanden (siehe bspw. meine Berechnungen dazu). Und ich finde es auch sehr bedenklich, dass die jüngeren Bestrebungen zur Sicherung der wirtschaftliche Rentabilität der Erwerbsarbeit von Zweiteinkommen  (Abzugsfähigkeit von privaten Kinderbetreuungskosten) durch die Familieninitiative der SVP bekämpft wird.

Wer glaubt, dass die SVP-Familieninitiative den Hausfrauen zugutekommen wird, irrt. Wird die Initiative angenommen, werden Kantone und eventuell auch der Bund wahrscheinlich einfach darauf verzichten, einen Kinderbetreuungsabzug zu gewähren, mit dem Resultat, dass sich Zweiteinkommen weiterhin nicht lohnen, während sich für die Hausfrauen nichts ändert. Es geht also entgegen der Initianten nicht um eine Gleichstellung der traditionellen Familie sondern um eine Verhinderung der Gleichbehandlung von Familien mit zwei Einkommen (Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit). Dass dies die eigentliche Absicht der Initiative ist, lässt sich unschwer daran zu erkennen, dass der Steuerabzug für Selbstbetreuung nur dann und dort eingeführt werden soll, wo ein Abzug für private Fremdbetreuungskosten möglich ist.

Auch wer sich für die Rolle der Hausfrau und Mutter entschieden hat, möchte vielleicht später wieder mal in die Arbeitswelt einsteigen und wäre dann froh, wenn die privaten Kosten für die Tagesschule von den Steuern abgezogen werden können, damit sich die Erwerbsarbeit auch auszahlt. Bitte liebe Hausfrauen: lassen Sie sich nicht vom schönen Titel und den Versprechungen dieser Initiative blenden! Wenn Ihnen wichtig ist, dass alle Babies und sehr kleine Kinder vorwiegend durch ihre Eltern betreut werden können, dann setzten Sie sich dafür ein (z.B. Betreuungsurlaub) und nicht gegen die Erwerbstätigkeit verheirateter Mütter. Tragen Sie dazu bei, dass Ihre Tochter in einem Land aufwachsen kann, indem sie ihre Ausbildung nutzen und ihre beruflichen Ziele verwirklichen kann und ihren Kindern dennoch eine liebevolle und verfügbare Mutter sein kann  – selbstbestimmt! Helfen Sie mit eine moderne Familienpolitik zu prägen, welche die Betreuungsarbeit in unserer Gesellschaft nicht einfach als Residuum betrachtet, welche von den Frauen zu erledigen ist oder die an Hilfskräfte ausgelagert wird.

Liberale Ideale in einer konservativen Gesellschaft

Als Studentin besuchte ich die Vorlesung „Politische Ideen und ihre Träger“ bei Andreas Ladner. Einmal gab es einen Gastvortrag eines Exponenten der FDP zum Thema Liberalismus. Den Namen der Person weiss ich nicht mehr, ich erinnere mich aber noch gut an seine Definition des Liberalismus. Für ihn bedeutete dies möglichst wenig staatliche Intervention und das Prinzip der Subsidiarität: der Staat greift erst ein, wenn das Individuum nicht mehr in der Lage ist, für sich selber zu sorgen. So schön so gut. Das Beispiel, welches er dann brachte um aufzuzeigen, wie er diese Ideologie selber lebt, hat mich nicht besonders überzeugt. Er erzählte, wie sich seine Frau um seine betagte Mutter kümmert und so keine der Allgemeinheit aufzubürdenden Pflegekosten entstehen würden.

Liberalismus – zumindest so wie er ihn sah – schien er offenbar eng mit dem Selbstverständnis zu verknüpfen, dass die Frauen den Grossteil der Pflege- und Sorgearbeit in der Familie zu leisten hätten. Im Fachjargon nennen wir dieses Selbstverständnis oder Ideal das „male-breadwinner/female-carer model“ oder auf deutsch die „männliche Versorgerehe“. Gemäss diesem Modell kümmern sich die Männer um die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Staat. Von deren Einkommen (und Sozialleistungen) sind dann die Frauen abhängig, welche dafür Zeit haben, sich um das Wohl der Kinder, des Mannes und der betagten Eltern zu kümmern. Für die Arbeitgeber ist dieses häusliche Arbeitsteilungsmodell durchaus praktisch. Sie können auf die Arbeitskräfte zurückgreifen, ohne dass deren Verfügbarkeit gross durch Familienpflichten eingeschränkt wird.

Die männliche Versogerehe war nie ein universell gelebtes Modell. Erst mit dem grossen wirtschaftlichen Boom der Zeit nach dem 2. Weltkrieg konnte es sich eine grosse Zahl von Familien überhaupt leisten, von einem einzelnen Einkommen zu leben. Dies war die Zeit als  unsere Sozialversicherungswerke aufgebaut wurden. Unter massgeblichem Einfluss der FDP wurden damals Institutionen geschaffen, welche das Recht der Ehefrauen auf Sozialverschersicherungsleistungen von der wirtschaftlichen Leistung ihrer Ehemänner abhängig machten. Bis vor 30 Jahren waren die Ehefrauen ihren Männern rechtlich untergeordnet und unser Steuersystem bevorzugt noch heute eine eher traditionelle familiäre Rollenteilung.

 Heute getraut sich kaum mehr ein Politiker das traditionelle Rollenmodell als Ideal darzustellen.

Das Rollenverständnis vieler Frauen (und teilweise auch der Männer) hat sich aber verändert. Die Frauen erhielten das Stimmrecht auf nationaler Ebene, sie wurden aktiv auf politischer Ebene, wählten immer mehr auch anspruchsvolle Ausbildungen und die Rolle der abhängigen Ehefrau wurde für immer weniger Frauen das erstrebenswerte Lebensziel. Heute getraut sich kaum mehr ein Politiker das traditionelle Rollenmodell als Ideal darzustellen. Wenn dies noch jemand offen tut, dann sind es eher konservative Frauen. Ein prominentes Beispiel ist Jasmin Hutter, welche während der Schwangerschaft demonstrativ ihren Nationalratsposten räumte, um sich ganz ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter widmen zu können.

Wenn das traditionelle Rollenmodell für die Liberalen aber kein Ideal mehr ist, welches Rollenmodell ist es dann? Und wie genau sähe eine liberale Politik aus, welche es Männern und Frauen  ermöglicht als Individuen ihre Rolle als Arbeitskräfte einerseits und ihre Rolle als Verantwortliche für Pflege und Sorgearbeit in der Familie einzunehmen? Für die Linke scheint klar zu sein, dass der Staat einspringen muss. In einem relativ egalitären Land wie der Schweiz (die Lohnungleichheit in unserem Land ist um einiges kleiner als in den klassischen liberalen Ländern wie z.B. in den USA) können sich die meisten Familien nicht leisten, die Pflegeleistungen an den Markt auszulagern. Ohne staatliche Subventionen ist die Doppelerwerbstätigkeit somit nur für eine Minderheit der Familien eine Option.

Für viele Liberale scheint, wie die Positionsbezüge anlässlich des Familienartikels  jüngst aufzeigten, eine Lösung mit staatlichen Subventionen nicht akzeptabel. Wenn also Liberalismus (à la Suisse) nicht gleichzeitig die Promotion einer traditionellen Geschlechterteilung zwischen Männern und Frauen beinhalten soll, gibt es eigentlich nur zwei Optionen:

  • Option 1 nennen wir im Fachjargon das „universal-breadwinner-and-carer model“, also ein Ideal, bei dem von jedem Individuum erwartet wird, dass es sowohl erwerbstätig ist und auch unentgeltliche Pflege- und Sorgearbeit übernimmt (sei dies für Kinder, betagte Eltern oder auch andere Personen).
  • Die zweite Option wäre, dass Paare weiterhin aushandeln, dass eine Person hauptsächlich einer bezahlten Arbeit nachgeht und die zweite hauptsächlich die Pflegearbeit übernimmt, wobei allerdings die Rahmenbedingungen so gesetzt werden müssten, dass Frauen und Männer bei dieser Aushandlung mit gleich langen Spiessen verhandeln.

In der Folge werde ich die (staatlichen/arbeitsmarktlichen) Grundbedingungen besprechen, welche  für die Umsetzung der 1. Optionen notwendig wären. Diese Option scheint mir in Hinblick auf eine „liberale Haltung“ eher vertretbar, da sie keine innerfamiliären Abhängigkeiten schafft und somit das Individuum und nicht die Familie in die Pflicht nimmt.

Gleichstellung der Geschlechter ist erst möglich, wenn die Arbeitgeber keine geschlechtsspezifischen Erwartungen mehr haben, wer Betreuungsarbeit in der Familie zu leisten hat.

Sollen alle Individuen sowohl für Pflege- wie auch für Erwerbsarbeit zuständig sein, so geht dies nicht, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob dies mit einem Normarbeitstag von über 8,4 Stunden wirklich umsetzbar ist. Solange man sich mit kürzeren Arbeitspensen praktisch alle Optionen auf berufliches Weiterkommen verspielt, ist das Modell alle sind Pflegende und Erwerbstätige nicht umzusetzen. Zumindest ginge dies nicht ohne einen starken Einbezug von Fremdbetreuung, was aber wiederum bedingen würde, dass diese erschwinglich sein müsste.

Eine gesetzlich festgelegte Arbeitszeit scheint mir eher etwas unliberal und man müsste sich auch Gedanken dazu machen, wie man eine Flexibilisierung hinbekommt. Aber das Ideal des Individuums als Arbeitskraft und Betreuungsperson wäre meiner Meinung nach nur umsetzbar, wenn die Normarbeitszeit deutlich reduziert würde. Viel mehr als 37 Stunden pro Woche dürften es wohl nicht sein. Während der ersten Lebensjahre der Kinder, wenn ein Kind krank ist, oder wenn die Pflegebelastung bei weiteren Angehörigen sehr stark ist, müssten sowohl Männer wie Frauen die Möglichkeit haben einen (Teil)Urlaub zu beziehen (d.h. für Stunden, Tage oder im Fall eines neugeborenen Kindes auch mehrere Monate der Erwerbsarbeit fern zu bleiben), um den intensiven Pflegeverpflichtungen nachkommen zu können. Erst wenn die Arbeitgeber keine geschlechtsspezifischen Erwartungen mehr haben, wer (Männer oder Frauen) diese Pflegeurlaube beziehen soll/darf/muss, erst dann werden wir auch Lohngleichheit und echte Gleichstellung der Geschlechter haben.

Heute scheinen wir in der Schweiz Lichtjahre weit entfernt von den Grundbedingungen, welche notwendig wären, um Frauen und Männern im Aushandeln um die familieninterne Arbeitsteilung gleichlange Spiesse zu gewähren, geschweige denn von einer Gesellschaft, in denen alle – auch Männer und Alleinerziehende – die Möglichkeit haben Familienpflege selbstverantwortlich wahrzunehmen. Das Resultat ist eines der konservativsten Geschlechterregime in der westlichen Welt. Eine Gesellschaft, in denen die männliche Versorgerehe weitergelebt wird – und zwar in einer modifizierten Form: Die Männer übernehmen die Hauptverantwortung für das Einkommen und etwas mehr Verantwortung für die Kinder als noch unsere Väter. Die Mütter aber halten den Männern nach wie vor den Rücken frei und verdienen ein meist kleines Zweiteinkommen. Wenn das Kind klein oder krank ist, bleiben sie zuhause und wenn später die Schwiegermutter pflegebedürftig wird, kümmern sie sich nicht selten auch noch um sie. Sie war es schliesslich, die durch ihre Grosi-Pflichten mitgeholfen hat die Teilzeitarbeit der jungen Mutter überhaupt erst zu ermöglichen.

Zu verdanken haben wir diese Situation einem Verständnis von Liberalismus bei dem der Mann von Selbstverantwortung spricht, damit aber eigentlich die Betreuungsdienstleistungen seiner abhängigen Ehefrau meint.