Kategorie-Archiv: Sozialwissenschaftliche Methoden/Konzepte

Datenverdrehung

Die öffentliche Diskussion rund um die Vox-Analyse zur Masseneinwanderungsinitiative geht weiter. Diese Woche kam der Angriff von Rudolf Strahm, der Pascal Sciarini vorwarf, er habe das Offensichtliche nicht erkannt, nämlich, dass vor allem die 50-59jährigen der Initiative zugestimmt hätten. Sciarini antwortete postwendend, dass dieser Befund nicht aus den Daten herausgelesen werden kann, da in der Stichprobe zu dieser Altersgruppe besonders viele Befragte aus Berufsgruppen vertreten sind, die der Initiative strak zu gestimmt haben. Kontrolliert man für die Berufsgruppe verschwindet der Alterseffekt in der multivariaten Analyse. Da Strahm dies offensichtlich nicht verstanden hat, legt er nochmals nach, mit dem Hinweis, seine Interpretation sei doch korrekt und die Politologen seien sich bezüglich der Frage, ob Werte oder Interessen für das Stimmverhalten den Ausschlag gaben, nicht einig. Schlimmer noch, die Unfähigkeit einen Irrtum zuzugeben, verleitet ihn dann auch noch dazu, dem Wissenschaftler vorzuwerfen, er lasse sich bei der Interpretation der Daten durch weltanschauliche Verzerrungen leiten – und sei deshalb nicht glaubwürdig. Dabei ist es genau umgekehrt: Strahm kann nicht akzeptieren, dass seine weltanschauliche Interpretation durch die Daten nicht gestützt wird!

Werte und Interessen sind übrigens in der Politikwissenschaft nicht einfach zwei gegensätzliche Erklärungen. Viel mehr gehen wir (recht geeint) davon aus, dass  Werte durchaus auch sozialstrukturelle Interessenlagen abbilden. Die Frage ist allerdings, ob es möglich ist, in einer komplexen, Interdependenzen Welt das eigene ‚objektive Interesse‘ zu kennen. Es sind daher oft vor allem die Werte/Weltanschauungen, die unser Denken und Handeln leiten. (Siehe dazu auch meine Interpretation des Abstimmungsresultats, die auch nach der Vox-Analyse noch Stand hält.)

Zur Polemik um die Vox-Analyse

Die Schweiz räumt ihrer Bürgerschaft die weltweit stärksten Möglichkeiten ein, politische Entscheide an der Urne zu fällen. Behörden und Politik haben sich allerdings lange Zeit nicht dafür interessiert,  wie diese  Entscheide gefällt werden oder welche Beweggründe zugrunde liegen. Primär dem Engagement von Einzelpersonen und grosszügigen Spenderinnen und Spendern verdanken wir, dass die Schweiz, was die Erforschung des politischen Verhaltens angeht, nicht völlig ein Entwicklungsland geblieben ist. Siehe dazu auch die aufschlussreiche Entstehungsgeschichte der Vox-Analysen, erzählt von Hans Hirter. Darin nicht erwähnt, ist übrigens das äusserst aufwändige und teilweise privat finanzierte VoxIt-Projekt von Hanspeter Kriesi, mit dem die Vox-Analysen derart standardisiert wurden, dass Auswertungen über alle Abstimmungen hinweg möglich sind.

Natürlich ist es zulässig über den Sinn solcher Befragungen zu diskutieren und natürlich sollten auch Finanzierung, Qualität und Auftragsvergabe beachtet werden. Dennoch, man macht es sich jetzt ziemlich einfach, wenn man dies alles miteinander vermischt.  Nur, weil gerade wieder einmal offensichtlich wurde, dass Gesellschaftswissenschaften halt keine exakten Wissenschaften sind, auch wenn man dies, ob all den schönen Zahlen und Grafiken, nicht wahrhaben möchte. Stichprobenfehler, die Unmöglichkeit einer vollkommen repräsentativen Stichprobe, Verzerrungen durch falsche Antworten, etc., all diese Dinge treten unabhängig vom Befragungsinstitut auf und die Korrekturmöglichkeiten sind beschränkt und/oder teuer (z.B. kann der Stichprobenfehler nur durch eine höhere Anzahl Befragte reduziert werden). Doch selbst wenn das Instrument der Bevölkerungsumfrage Mängel aufweist, ist es doch eine äusserst wichtige Quelle, um Verhaltensmuster und Entwicklungen zu identifizieren.

Der Initiative der frühen Politologen und des gfs haben wir es zu verdanken, dass diese Datenquellen auch für die Abstimmungen in der Schweiz zur Verfügung stehen.  Ein riesiger Fundus an politikwissenschaftlichen Arbeiten gründet darauf. Vieles davon ist auch praxisrelevant und wird von verschiedener Seite genutzt. Nicht zuletzt bietet die Arbeit an den Vox-Analysen in den Universitäten Bern, Zürich und Genf auch Qualifikationsstellen für den politikwissenschaftlichen Nachwuchs.

Die Daten sind gut dokumentiert und stehen – nach einer gewissen Sperrfrist – für Sekundäranalysen zur Verfügung (natürlich anonymisiert). Dies im Gegensatz zu den Erhebungen des Bundesamtes für Statistik, dass sich nach wie vor ziert, seine äusserst aufwendig erhobenen Umfragedaten, allen Forschenden und Studierenden in der Schweiz zu denselben Bedingungen und ohne grosse Kostenfolgen zur Verfügung zu stellen (z.B. haben ETH-Forschende generell Zugang, Uni-Forschende nur im Rahmen von SNF-Projekten…). Ganz zu schweigen, von all den Umfragen, welche Bundesämter, Kantone oder anderen öffentlich finanzierte Körperschaften so in Auftrag geben. Diese werden oft unkoordiniert, ohne universitäre Begleitung und ohne zentrale Datenarchivierung durchgeführt. Nach einem Bericht, manchmal veröffentlicht aber nie das ganze Potential der Daten ausschöpfend, lagern die Daten irgendwo in einem privaten Meinungsforschungsinstitut, sind irgendwann nicht mehr lesbar oder gehen sonst vergessen. Umfragen sind teuer und wertvoll. Sie sind zudem immer Momentaufnahmen und können somit nicht wiederholt werden. Häufig lassen sie sich aber für verschiedene Fragestellungen verwenden. Wären die Daten verfügbar und sauber archiviert, könnten sie von ideenreichen Forschenden weiter verwendet, für die Ausbildung genutzt werden, und Nachwuchsforschende könnten sie für Publikationen verwenden und sich damit qualifizieren.  Genauso wie dies bei den Vox-Analysen im derzeitigen Regime möglich ist.

Die laufende Kampagne gegen die gfs, bei der die Idee rumgereicht wird, die Abstimmungsforschung irgend einem privaten Meinungsforschungsinstitut zu übertragen, scheint mir schon recht stümperhaft. Die gfs hat massgeblich zum Aufbau der Vox-Analyse beigetragen.  Dass sie heute immer noch massgeblich daran beteiligt ist, hat also nichts mit intransparenter Auftragsvergabe zu tun, sondern mit gewachsenen Strukturen und viel  Knowhow.

Aus Sicht der Schweizer Politikwissenschaft wäre es sicher begrüssenswert, die Abstimmungsforschung weiter zu institutionalisieren und zu verbessern. Wenn dadurch aber die enge Anbindung an die politikwissenschaftliche Forschung und Ausbildung verloren ginge und uns die Daten danach nicht mehr zur Verfügung stünden, wäre dies äusserst bedauerlich, kontraproduktiv und, eigentlich auch unfair gegenüber denjenigen, die dieses Forschungsinstrument auf- und ausgebaut haben.

Wie viel Einfluss haben Interessengruppen?

Zurück von vier Tagen Intensivworkshop zur Frage, wie der Einfluss von Interessengruppen auf Politik systematisch gemessen werden könnte, fasse ich hier meine wichtigsten Erkenntnisse zusammen:

Das häufigste Konzept zur Messung von Einfluss ist preference attainment. Dabei wird gemessen inwiefern es einer Interessengruppe gelingt, das von ihr formulierte Politikziel durchzubringen. Einfluss kann in verschiedenen Phasen des Politikprozesses stattfinden (Agenda-Setting, Politikformulierung, Vernehmlassung, Entscheidungsphase, Implementation). Am häufigsten wird Einfluss in der Entscheidungsphase untersucht. Dabei wird der ursprüngliche Regierungsvorschlag mit dem verabschiedeten Gesetz abgeglichen und es wird anhand der Positionen der Gruppen, die sich z.B. in Vernehmlassungsverfahren konkret zum Gesetz äusserten, untersucht, wer in dieser Phase am meisten Einfluss hatte, dass heisst ein für sich besseres Endresultat erzielen konnte. Einfluss wird als Kontrolle über Politikentscheide verstanden.

Besonders interessant werden diese Studien, wenn sehr viele Entscheidungsfälle betrachtet werden können. Deshalb sind die Forschenden derzeit auch daran auszuloten, inwiefern mit computergestützten Inhaltsanalysen (z.B. Wordfish) die Positionen der Gruppen und der Politiken in vielen verschiedenen Entscheidungsfällen untersucht werden können.

Der Vorteil des preference-attainment-Verfahrens ist, dass man unter einigermassen kontrollierten Bedingungen aufzeigen kann, dass eine Gruppe in einer Phase des Entscheidungsprozesses wirklich ‚mehr’ bekommen hat als eine andere. Dabei lässt sich auch untersuchen, ob bestimmte Arten von Gruppen (Zivilgesellschaft, Wirtschaftsinteressen, etc.) mehr Einfluss haben als andere.

Meiner Meinung nach ist dieses Vorgehen aber nur bedingt geeignet, um den Gesamteinfluss von Interessengruppen auf Politik zu messen. Dies, weil je nach Art der Gruppe (z.B. Wirtschaftsverband oder zivilgesellschaftliche Nichtregierungsorganisation) und je nach Ziel der Gruppe (z.B. verhindern einer Regulierung oder Neudefinition eines Problems) unterschiedliche Kanäle und unterschiedliche Phasen des Entscheidungsprozesses zentral sind.

Gerade zivilgesellschaftliche Interessengruppen nehmen oft weniger in der Entscheidungsphase als viel mehr in der Agenda-Setting-Phase Einfluss. Sie kämpfen dafür, dass Probleme, die bisher wenig Beachtung erhielten, aufs politische Tapet kommen, oder dafür, dass ein Problem anderes definiert wird als bisher. Anders gesagt, sie kämpfen primär um öffentliche Unterstützung für ihre Anliegen und ihre Problemdeutungen. Ihr Einfluss lässt sich mit der oben beschriebenen preference-attainment-Methode nur ungenügend erfassen.

So zeigte beispielsweise eines der besprochenen Papiere auf, dass die Tabaklobby die EU-Direktive zur Tabakwerbung zwar leicht in die Richtung ihrer Präferenzen verändern konnte, dass aber die Direktive insgesamt viel stärker die Präferenzen der Anti-Tabak-Koalition widerspiegelt. Und dies, obschon sich diese erst in einer sehr späten Phase des Entscheidungsprozesses überhaupt auf EU-Ebene organisierte. Die Stärke der Anti-Tabak-Lobby gründet wahrscheinlich auf den früheren Lobbying-Erfolgen, die darauf abzielten, die Öffentlichkeit (und mit ihr die Europaparlamentarier)  zu überzeugen, dass Rauchen und auch Passivrauchen gesundheitsschädlich sind, und dass man deshalb die Unternehmen, die vom Konsum der Rauchwaren profitieren, in enge Schranken verweisen soll.

In der öffentlichen Debatte gelten andere Regelmässigkeiten und Einflussmechanismen als in klar definierten, institutionellen Entscheidungsprozessen. Zum Beispiel scheint hier vor allem das Zusammenspiel verschiedener Gruppen von Bedeutung zu sein, d.h. ob diejenigen, die neue Politiken fordern, geeint und koordiniert agieren, oder, wie geschickt Gruppen, die den Status Quo bevorzugen, diese Forderungen kontern. Solche Prozesse in der Öffentlichkeit zu messen ist schwierig. In unserem Forschungsprojekt zu den globalisierungskritischen Protesten haben wir einige dieser Mechanismen aufgezeigt. Von einer systematischen und  zuverlässigen Methode, diese systematisch zu erforschen, sind wir allerdings weit entfernt!

Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

In seinem Blog bespricht Claude Longchamp eine interessante  Studie zur politischen Verortung der Medien in der Schweiz  (Lizentiatsarbeit von Jan Vontobel) und schlägt vor, dass verwendete Konzept, welches von drei Dimensionen im politischen Raum ausgeht, weiter für die Verortung der Parteien zu verwenden. Mich begeistert die Idee nur bedingt. Drei Dimensionen lassen sich ja gerade noch einigermassen grafisch darstellen. Aber was, wenn uns dann komplexere Analysetechniken aufzeigen, dass doch eigentlich vier – oder vielleicht fünf, sechs Dimensionen relevant sind. Mein Kollege Daniel Schwarz vertritt sogar der Ansicht, dass die zweite Dimension bereits wieder an Bedeutung verloren hat. Noch viel wichtiger als die Frage der Zahl der Dimensionen, finde ich allerdings die Frage, wie denn diese empirisch hergeleiteten Dimensionen genau zu bezeichnen wären.

In meiner Vorlesung zur empirischen Forschung behandle ich auch die Frage der Definition und Spezifikation von Konzepten. Dabei verweise ich jeweils auf das Modell des politischen Raums von sotomo als Beispiel für eine problematische Konzeptualisierung. Basierend auf dem verwendeten Konzept des politischen Raums wurde auf der offiziellen Broschüre zu den nationalen Wahlen von 2011 eine Torte mit der Verortung der Parlamentsmitglieder abgebildet. Die Grafik und die Methodologie können hier konsultiert werden: http://www.sotomo.ch/themen/parlament-und-parteien.

torte

Problematisch ist das Konzept, wie ich dann jeweils ausführe, nicht wegen der vorgeschlagenen Klassifikation an sich oder den verwendeten empirischen Modellen (die ich im Übrigen als legitim, korrekt und wissenschaftlich bezeichnen würde), sondern weil für die Bezeichnung der empirisch gefundenen und beschriebenen Dimensionen Begriffe verwendet werden (links-rechts) (konservativ-liberal) die nur bedingt mit deren alltagssprachlichen Bedeutung übereinstimmen.

Z.B. ist doch die Grundthese des Liberalismus (wie er gemeinhin verstanden wird) die ökonomische Eigenverantwortung und nicht die Integration von Fremden. Etwas besser wäre wohl man würde für die vorgeschlagene Dimension, wie dies beispielsweise Kitschelt getan hat, die Bezeichnung libertär verwenden. Auch stehen die Bezeichnungen „links“ und „rechts“ in unserem Alltagsverständnis für viel mehr als nur für die Dimension Staat-Markt. So ist Rechtsextremismus wohl für die wenigsten gleichzusetzen mit einer „extrem marktorientierten Haltung“ sondern eher mit der Befürwortung einer extremer Abschottung.

Klar, die Forschenden haben die Freiheit, ihre Konzepte zu benennen, wie sie wollen. Und ein Konzept lässt sich natürlich besser „verkaufen“ und spricht die Medien und die Öffentlichkeit eher an, wenn eine alltagssprachliche Bezeichnung verwendet wird. Aber es ist eben gerade dann, wenn sich die Öffentlichkeit sehr dafür interessiert, Vorsicht geboten. Durch die Verwendung alter politisch beladener Begriffe für neu gefundene Dimensionen, wird eine scheinbar neutrale Beschreibung des politischen Raums selber zu einem politischen Akt. Ich erinnere an die Reaktionen der Parteien auf die Tortenabbildung auf der Wahlbroschüre: Die Grünen fanden es damals nicht besonders lustig, dass sie als „konservative“ Alternative im „linken“ Raum dargestellt wurden und die SVP sah sich als illiberale Partei auch ziemlich schlecht bedient, ist sie doch in vielen Bereichen stark dem Credo verpflichtet, dass Wohlfahrtsstaat, Steuern und Umverteilung einzudämmen sind.

Deshalb bin ich auch, was die Ergebnisse von Jan Vontobels Lizentiatsarbeit zur politischen Verortung der Medien angeht, etwas skeptisch. Wenn er nach den von Leuthold/Hermann vorgeschlagenen Dimensionen kodiert hat, dann misst er eben nicht unbedingt das, was gemeinhin unter den verwendeten Bezeichnungen verstanden wird. Und es lässt sich dadurch dann auch nicht sagen, ob seine Einschätzung bezüglich der Verortung der Medien treffender ist als diejenige von Roger Blum.

Eine systematische Verortung der Parteien und Medien im mehrdimensionalen politischen Raum? Warum nicht. Aber bitte, bitte überdenkt erst mal die Konzepte und insbesondere ihre Labels!