Archiv der Kategorie: Politische Kommunikation

Medien. Auf dem rechten und linken Auge blind

Die Medien, so höre ich immer wieder, sind alle auf dem rechten Auge blind. Auch von Bundespräsident Ueli Maurer, der diesen Vorwurf in seiner Rede am Schweizer Medienkongress vorbrachte. Medien hätten ihre Thesen, welche sie nie in Frage stellten. So steht in seiner Rede zu den anwesenden Medienschaffenden: „Ich nenne Ihnen hier einige Ihrer Glaubenssätze:

  • Der Klimawandel ist dem Menschen anzulasten.
  • Atomenergie ist böse, Alternativenergien sind gut.
  • Einwanderung ist eine Bereicherung, auch dann noch, wenn in einem kleinen Land die Nettozuwanderung um die 80‘000 Personen pro Jahr beträgt.
  • Internationale Lösungen sind immer besser als nationale.
  • Die Schweiz ist immer im Unrecht, die Vorwürfe an unser Land können noch so absurd und durchsichtig sein.
  • Der Staat ist verantwortungsvoller als der Bürger.“

Es mag ja sein, dass in der Zunft der Medienschaffenden (vor allem bei den Medien mit überregionaler Ausstrahlung) ein urbanes, sozial- und umweltbewusstes Bildungsbürgertum eher übervertreten ist. Ihnen pauschal oben genannte Thesen als Glaubensbekenntnisse zu unterstellen, ist wohl eher politische Rhetorik denn Realität.

Meinungsvielfalt vermisse in den Medien zwar auch. Das Problem ist allerdings, dass die Medienschaffenden oft überhaupt keine Meinung mehr äussern und vertreten. Und hier haben die Verleger durchaus eine Verantwortung: es sollen keine Inserenten oder Leserinnen vergrault werden, indem man sich politisch zu weit hinauslehnt. Bezeichnend ist hier die Geschichte mit der Annabelle Chefredaktorin, die nach Zurückpfiff von Tamedia-Verleger Supino auf die Promotion von Quoten in der Zeitschrift verzichtet. Man einigte sich darauf, dass politische Kampagnen in einer Frauenzeitschrift nichts verloren hätten. Schade eigentlich.

Passend dazu auch folgender Schwank aus meinem Leben. Als junge Studentin habe ich für eine Regionalzeitung gejobbt. Einmal durfte ich zusammen mit einem Regionalredaktor (bekennendes SP-Mitglied) und der Fotografin über den Jubiläumsanlass einer Landmaschinenfabrik berichten. Es war ein Grossereignis für die Region, vor allem auch weil es den Organisatoren gelungen war, mehrere hochrangige Bauernpolitiker für eine Diskussionsrunde zu gewinnen. Wir hatten also den Auftrag, eine ganze Seite zu gestalten, die bereits am nächsten Tag erscheinen sollte. Dies bedeutete zwar eine Nachtschicht, aber die Seite wurde wunderschön — bebildert mit Riesentraktoren, prallvollem Festzelt und Promis. Einziger Makel, aus der Sicht des Landmaschinenfabrikanten, der Redaktor und ich hatten die Frechheit, einen kleinen Kommentar dazu zu schreiben, indem wir leichte Kritik an der Diskussionsrunde (bei der Studierende kritische Fragen stellten, welche von den Politikern nicht beantwortet wurden) übten. Die Folge: wir wurden vom Chef zitiert. Auch mussten wir zu einer Aussprache mit dem Landmaschinenfabrikanten, der es nicht fassen konnte, dass wir die an und für sich prachtvolle Gratiswerbeseite für seinen Betrieb, mit unserem Kommentar getrübt hatten. Dabei versuchte er uns „Sozis“ davon zu überzeugen, dass doch das marktwirtschaftliche Modell das einzige sei, das wirklich funktioniere. Zu meiner Verteidigung konnte ich dazu lediglich sagen, dass ich die Kritik an einem staatlichen Subventionssystem keineswegs als Kritik am Kapitalismus verstehe. Aber ich weiss nicht, ob dies wirklich angekommen ist. Schliesslich werden die Subventionen ja an die Bauern ausbezahlt, welche dann damit auf dem freien Markt Landmaschinen und Saatgut etc. kaufen…

Wie häufig sich Medien selber Maulkörbe auferlegen, um gute Kunden nicht zu verärgern, weiss ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass so etwas gerade auf lokaler/regionaler Ebene kein Einzelfall war und immer noch vorkommt. Zumindest fällt auf, dass die wenigen Medien, welche noch immer auf Thesenjournalismus setzen und eine klare politische Vision vertreten — sei diese rechts oder links — nicht primär aufgrund von Inseraten und Abos überleben, sondern aufgrund von Spendern/Gönnern mit politischen Interessen (siehe z.B. WOZ oder Weltwoche). Wenn also die Medienschaffenden unabhängig und meinungsvielfältig berichten sollten, dann ist es wohl unumgänglich, sich über die Finanzierung der Medienarbeit vertiefter Gedanken zu machen.

Einige Gedanken zum #Aufschrei-Phänomen

Ausgelöst durch den Bericht einer Journalistin über anzügliche Bemerkungen des Kanzlerkandidaten Brüderle, gelang es einigen Kolleginnen über Twitter unter dem Stichwort #Aufschrei im deutschsprachigen Raum eine höchste öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen Sexismus zu lancieren: Nicht nur, äusserten sich innert kürzester Zeit zehntausende von Personen im Internet-Netzwerk zum Stichwort, es wurden auch viele persönliche Blogs verfasst und die Medien berichteten ausführlich On- und Offline. Das Thema wurde in Talkshows, in den Nachrichten, in Hintergrundsberichten und in den Kommentarspalten abgehandelt. (Für einige Zusammenstellungen  siehe  http://seeliger.cc/2013/artikelsammlung-aufschrei/ sowie für die Deutschschweiz http://philippe-wampfler.com/2013/02/01/aufschrei-eine-medienschau/).

Der Proteststurm auf Twitter gekoppelt mit der parallelen Diskussion über das Verhalten eines Spitzenpolitikers, erhielten sehr rasch ein Eigenleben. Verschiedene parallele und teilweise verknüpfte öffentliche Debatten entstanden: über die Rolle der Medien, über die Definition von Sexismus, über die Umgangsformen zwischen Männern und Frauen ganz allgemein sowie über die Legitimität, Motive und Kohärenz der Betroffenen, die auf Twitter ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen mitteilen.

Als Bewegungsforscherin finde ich es äusserst spannend, dieses Phänomen zu beobachten. Und, es stellen sich für mich einige Fragen. Beispielsweise, ob es sich beim #Aufschrei Proteststrum um eine Bewegung handelt,  wie erfolgreich ist dieses Phänomen ist und wie nachhaltig es sein kann.

Die Antworten auf diese Fragen hangen davon ab, wie Bewegung, Erfolg und Nachhaltigkeit definiert werden. In Anlehnung an den bekannten Bewegungsforscher Charles Tilly bevorzuge eine Arbeitsdefinition, welche mehrere Faktoren einer sozialen Bewegung ins Zentrum stellt: (1) das Vorhandensein eines Grundkonsenses bei den Beteiligten über (2) einen gesellschaftlichen Missstand, der (3) mittels öffentlichkeitswirksamer kollektiven Aktionen (Protestereignisse) Verbreitung finden soll. Finden solche Aktionen im Rahmen einer breiten Kampagne (4) wiederholt statt und werden über eine gewisse Zeit aufrecht erhalten, in dem die beteiligen Aktivistinnen und Aktivisten (5) Mobilisierungsstrukturen in Form von Netzwerken, Organisationen und Koordinationsplattformen nutzen und/oder aufbauen, würde ich von einer sozialen Bewegung sprechen.

Das Einordnen des #Aufschrei Phänomens in diese Definition ist auch wieder eine Ermessenfrage. Die Kriterien 1-3 sind meiner Einschätzung nach klar erfüllt. Viele KommentarorInnen kritisieren zwar, das Vermischen von ‚harmloseren’ Formen des Sexismus, wie eben anzügliche Bemerkungen und von ‚extremem’ Straftatbeständen, wie Vergewaltigungen und Kindsmissbrauch. Dennoch scheint mir, dass bei denjenigen, die bei der Aktion mitgemacht haben, einen Grundkonsens darüber besteht, dass Sexismus ein Problem ist, welches mehr Beachtung finden soll. Zu erwarten, dass all diejenigen, welche bei einer derart dezentralen kaum koordinierten Aktion mitmachen, aus einem Mund sprechen und identische Ziele verfolgen, wäre vermessen.

Beim 4. und 5. Kriterium bin ich mir nicht ganz sicher: Einerseits dauerte die #Aufschrei Kampagne eine Weile an und es wurden bestehende lose Netzwerke (insbesondere die sehr lose Form der sozialen Internetnetzwerke Twitter und Facebook) genutzt, andererseits sehe ich derzeit aber kaum Bemühungen, längerfristige und gezieltere Mobilisierungstrukturen aufzubauen, mit denen weitere – auch andersgeartete –Protestaktionen entwickelt und verbreitet werden könnten. (Ich habe das allerdings auch nicht systematisch untersucht und es könnte durchaus sein, dass solche Bemühungen stattfinden.) Ich würde den Twitterstrum deshalb eher als eine einzelne, wenn auch länger anhaltende, Protestaktion bezeichnen denn als soziale Bewegung. Allenfalls, könnte man #Aufschrei als neue Protestform und Teilkampagne im Rahmen der bestehenden feministischen Bewegungskampagne gegen Sexismus klassieren.

Wie erfolgreich und nachhaltig ist das Ganze? Ein naheliegendes Kriterium zur Beurteilung des Erfolgs solcher Protestaktionen ist, wie viele Personen sich daran beteiligen (1). Sicher ist es einfacher, viele Personen für eine Äusserung auf Twitter zu mobilisieren und man darf deshalb die Zahl der Beteiligten nicht eins zu eins mit Zahlen von Demonstrationen vergleichen. Dennoch spricht einiges dafür, dass es sich hier in diesem Punkt um eine ausserordentlich erfolgreiche Protestaktion handelt.

Ein weiteres, und in meiner Sicht sogar wichtigeres Kriterium ist, inwiefern die Aktionen, die Bewegten und vor allem auch ihre Inhalte, in der breiten Öffentlichkeit Beachtung erhalten und weiterführende Debatten auslösen (2). Hier ist der Erfolg ganz klar gegeben. Die Medien berichteten ausführlich und sehr verbreitet. Dazu dürften mehrere Faktoren beigetragen haben:  die Grösse und Neuartigkeit der Aktion sowie der Fakt, dass am Anfang der Aktion ein Bericht über das Verhalten eines Spitzenpolitikers stand.

Von nachhaltigem Erfolg würde ich dann sprechen, wenn es gelingt in dieser Öffentlichkeit ein Bewusstsein für den angesprochenen Missstand zu etablieren (3), und damit in der längeren Frist Werte und Verhalten zu beeinflussen (4). Um diese Kriterien zu bewerten ist es noch zu früh. Die vielen, teilweise auch sehr reflektierten, Beiträge in On-und Offline Artikeln deuten jedoch darauf hin, dass durchaus auch nachhaltigere Sensibilisierungseffekte resultieren könnten. Inwieweit diese allerdings verbreitet zu einem Umdenken bezüglich Sexismus in der Gesellschaft  beitragen, ist schwer zu sagen.

Die Nachhaltigkeit einer Bewegungskampagne ist schliesslich auch dadurch zu bewerten, ob die aufgebauten Mobilisierungsstrukturen auch für zukünftige Protestkampagnen genutzt werden können (5). Sicher gelang es durch den Twittersturm, die losen feministischen Netzwerke im Internet stärker zu verknüpfen und es dürfte wohl auch in Zukunft möglich sein, ähnliche Aktionen zu starten, sofern die Rahmenbedingungen gut sind (z.B. eben prominente Auslöser). Da die Neuartigkeit des Phänomens nicht mehr gegeben sein wird, wird es aber sicher schwierig, den Medienerfolg des #Aufschrei-Sturms zu wiederholen.