Kategorie-Archiv: Gender

Die Pros und Cons von Frauenquoten

Nun gibt es sie also auch in der Schweiz: die Frauenquote für Verwaltungsräte. Ich finde das gut. Zumindest teilweise. Einige wünschenswerte Effekte erwarte ich durchaus. Aber Quoten haben so ihre Probleme. Und damit meine ich jetzt nicht die übliche Leier von den armen, abgewerteten Quotenfrauen, die ihre Stelle nur aufgrund des Geschlechts haben – oder diejenige der armen, fähigen, männlichen Quotenopfer. Egal ob Mann oder Frau, die von dieser Quote betroffenen Persönlichkeiten sind sowieso (ökonomisch gesehen) hochprivilegiert. Die Bewertung einer Massnahme sollte sich nicht an persönlichen Befindlichkeiten orientieren, sondern am Nutzen für die Sache der Geschlechtergerechtigkeit.

Da gibt es durchaus einige positive Dinge zu vermerken. In Norwegen gilt seit längerem eine 40% Quote für Verwaltungsräte in öffentlichen und börsenkotierten Unternehmen. Allerdings zeigte diese erst richtig Wirkung als im Falle der Nichtbeachtung, harte Konsequenzen drohten. Einer der Effekte – und dieser könnte durchaus auch bei der Schweizer Quote eintreffen – war, dass die Suchprozesse professionalisiert wurde. Wer sich anstrengt und nicht nur in naheliegenden Netzwerken sucht, findet durchaus gute und fähige Frauen. Für ‚Diversity’ im Verwaltungsrat braucht es mehr Anstrengung. Und die Schweizer Quote übt hier sanften Druck, zumindest die vertretbaren Kosten nicht zu scheuen. Würde das zu teuer, sieht ja die Schweizer Regelung die Möglichkeit einer begründeten ‚non-compliance’ vor.

Indem die sogenannte ‚gläserne Decke’ gezielt ausgehebelt wird, erhalten Frauen eine reelle Chance auf eine Führungsposition in der Wirtschaft. Das erhöht die Motivation und Bereitschaft, auf diese Karte zu setzen. Schliesslich hilft diese Quote auch, kulturelle Leitbilder zu transformieren. Sie signalisiert sehr deutlich: ökonomische Macht ist nicht einfach nur Männersache.

Für die häufig gehörten Argumente, Unternehmen mit mehr Frauen im Verwaltungsrat seien erfolgreicher und besser, gibt es wenig haltbare wissenschaftliche Evidenz. Die Studien sind sich nicht einig, ob die zusätzlichen Frauen am Steuer überhaupt einen Effekt auf die Performanz der Unternehmung haben. Die Qualität der Verwaltungsratsarbeit ist durch die Quoten aber auch nicht schlechter geworden.

Bezüglich der häufig geäusserten Hoffnung auf Diffusionseffekte sind die Erfahrungen aus Norwegen eher ernüchternd. In den von der Quote nicht betroffenen Unternehmen wurde die Zahl der Frauen in den Verwaltungsräten nicht erhöht. Auch die Geschlechterverhältnisse im Management (also unterhalb des Verwaltungsrats) wurden kaum verändert. Der Grund ist naheliegend. Durch die Quoten wird die Ursache der Ungleichheiten kaum beeinflusst. So werden beispielsweise die Strukturen, die benötigte würden, um Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen, gerade im unteren Management, ja nicht verändert. Das Nachwuchsproblem bleibt bestehen und die vermeintlichen Vorbilder, die durch die Quote geschaffen werden sollten, sind sehr weit von der Lebensrealität der meisten Frauen entfernt.

Aufgrund der beschränkten Wirkungen solcher Quoten, ist also zumindest Vorsicht geboten. Denn sind die Verwaltungsräte gemischter, widerspiegeln sie die Probleme und Ungerechtigkeiten auf den unteren Ebenen nicht mehr. Das könnte aber auch den Druck für echte und tiefergehende Veränderungen reduzieren. Hat sich die Quote einmal durchgesetzt, kann man dann mit Verweis auf die Fortschritte auf der höchsten Ebene, die Missstände unten besser legitimieren.

Der Frauenanteil in Verwaltungsräten ist ein häufig verwendeter Indikator für Gleichstellung. Mit eher geringem Aufwand, kann ein Land mit einer solchen Quote in internationalen Rankings rasch ‚aufholen’. Im Prinzip ist es also ein relativ billiges Mittel, sich besser darzustellen als man ist: Es bedarf nur minimaler Veränderungen und hat kaum finanziellen Folgen.

Quoten in Verwaltungsräten sind deshalb sicher kein Wundermittel für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Was es bräuchte wäre eine grundlegende Debatte über Arbeits- und Lebenszeitmodelle. Man müsste sich überlegen, wie gesellschaftlich nachhaltig eine Wirtschaft sein kann, die nur über die uneingeschränkte Verfügbarkeit der Manager und Mangerinnen für Ihre Firmen, funktioniert. Bis wir da sind, sind sie aber ein relativ einfacher Weg, zumindest einige Verbesserungen (siehe oben) herbeizuführen. Damit ist es aber sicher nicht getan.

Mythos des freien Entscheides: Problematische Lohndiskriminierungsanalysen

Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer. Viel weniger. Ein Teil dieser Lohndifferenz sei – so wird gesagt – durch harte Fakten erklärbar. Dieser ‚erklärbare’ Teil kommt dadurch Zustande, dass Frauen (vor allem Ältere) im Durchschnitt schlechter gebildet sind, dass sie weniger verantwortungsvolle Positionen innehaben und/oder, dass sie längere Erwerbsunterbrüche hatten. Ein Teil der Unterschiede ist durch solche (harten) Faktoren nicht erklärbar und wird deshalb ‚Diskriminierung’ der Frauen durch die Arbeitgeber genannt. Alle Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden, sollen nun gezwungen werden, Lohnstatistiken zu erstellen, aus denen sich das Ausmass der derartigen Diskriminierung von Frauen eruieren lassen soll.

Die gängige Unterscheidung in erklärbare/nicht-erklärbare Bestandteile der Lohnunterschiede ist aber problematisch. Sowohl der ‚erklärbare’ Teil der Lohndifferenz wie auch ein relevanter Teil der ‚nicht-erklärbaren’ Lohndifferenz haben dieselben Ursachen. Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Strukturen (vor allem kulturelle Leitbilder aber eben auch staatliche Politiken), die Frauen und Männern im Erwerbsleben und in der Betreuungs- und Hausarbeit unterschiedliche Rollen zuweisen.

Unternehmerisch macht es Sinn, Arbeitnehmende nicht nur für die derzeit geleistete Arbeit zu entschädigen, sondern bei der Bemessung des Lohns auch zu berücksichtigen, was sie der Unternehmung zukünftig an Gewinn einbringen werden. Der Investitionsaspekt des Lohns bemisst sich aufgrund der Erwartungen zum Entwicklungspotential der Arbeitnehmenden. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese auch zukünftig voll im Dienst des Betriebs stehen werden, spielt eine Rolle. Aufgrund starker geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen, die in der Schweiz (nicht zuletzt auch durch staatliche Politik) gepflegt werden, ist es daher nachvollziehbar, wenn Unternehmen eher in Männer investieren als in Frauen.[1] Damit lässt sich auch erklären, warum die Lohnunterschiede und die ‚unerklärten’ Lohndifferenzen in den obersten Führungsetagen am höchsten sind.

Natürlich gibt es auch andere, nicht durch diesen Investitionsaspekt erklärte, Ursachen der Lohndiskriminierung. Indem aber Lohndifferenzen aufgrund von früheren care-bedingten Erwerbsunterbrüchen als legitim angesehen werden und Lohndifferenzen aufgrund erwarteter allfälliger zukünftiger care-bedingten Erwerbsunterbrüchen als ungerechtfertigte Diskriminierung gelten, werden die zutiefst strukturell-gesellschaftlichen Ursachen der Lohnunterschiede übersehen.

Die Übernahme von unbezahlter Carearbeit durch Frauen oder die an (potentielle) Carearbeit angepassten Ausbildungs- und Erwerbsstrategien der Frauen gelten dann nämlich als individuelle Entscheide, deren Konsequenzen (ein tieferer Lohn, weniger Aufstiegsmöglichkeiten) daher ganz klar auch von diesen Frauen zu tragen sind. Auch die Entscheide der Unternehmen stärker in männliche Karrieren zu investieren, werden als individuelle Entscheide dargestellt, allerdings als ungerechtfertigte und diskriminierende. Das Problem der heutigen Geschlechterdiskriminierung ist aber genau dieser Mythos des freien Entscheides. Dabei handeln sowohl Frauen wie auch Unternehmen nach gesellschaftlich verinnerlichten Geschlechternormen, die auch wenn sie in unserem Rechts- und Staatswesen nicht mehr so stark formalisiert sind wie noch bis weit in die Mitte der 90er Jahre, doch immer noch eine sehr starke Wirkung haben. Und selbst viele Frauen und UnternehmerInnen, die diese Geschlechternormen heute nicht mehr akzeptieren, antizipieren sie dennoch als zentrale Restriktionen. Es bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als ihre Entscheide und Strategien daran anzupassen.

Daher finde ich es keine gute Idee, Unternehmen zu Lohndiskriminierungsanalysen zu zwingen. Es ist zwar gut gemeint, trägt aber indirekt zum zentralen Problem der heutigen Geschlechterdiskriminierung bei: die Verkennung der gesellschaftlichen Ursachen und damit verbunden, die fast gänzlich fehlende öffentliche Debatte und politische Mobilisierung dieser Problematik. Nach wie vor wird der Mythos gepflegt, Frauen hätten heute alle Möglichkeiten, wenn sie diese denn nur greifen würden. Sie würden sich im Erwerbsleben halt zu wenig eingeben, zu wenig anstrengen und seien überhaupt zu wenig auf eine Karriere fokussiert. Gleichzeitig wird der Mythos gepflegt, Frauen und Männer könnten sich heute frei entscheiden, ob sie eher auf die Erwerbsarbeit setzen, sich lieber um den Haushalt und die Kinder kümmern oder irgendeinen Zwischenweg suchen. Beides ist eine riesengrosse Illusion.

[1] Zugegeben, es gibt ein (derzeit noch) kleines Risiko, dass ein gut ausgebildeter junger Vater sechs Monate unbezahlt Urlaub nehmen will, um sein Neugeborenes zu betreuen. Aber als Firma, kann man immer noch pokern und den Urlaub nicht bewilligen. Die Chance dürfte recht gross sein, dass der Mann seine Pläne aufgibt, um sich seine Karriere nicht zu verbauen.

Gender Backlash

Debatten über Genderfragen nerven und zementieren die Idee der Frau als Sonderling, sagt Olivia Kühni. Dieser Artikel sei eine „Tirade gegen das allgegenwärtige Gender-Geschwafel. Und er trifft ins Schwarze.“  kommentiert Michèle Binswanger zunächst und zeigt dann aber auf, dass die Diskussionen trotzdem nötig seien.

Mir bleibt ein ungutes Gefühl. Die Gender-nervt-Leier kenne ich zur genüge. Das ist doch nicht mehr gefragt, erklärte mir mein ehemaliger Doktorvater, als ich ihm mitteilte, dass ich mich auf dieses Gebiet spezialisieren möchte. Zu Gender lese ich prinzipiell nichts, meinte ein Twitterer, um sich dann über einen Tippfehler im Titel zu meinem Blogbeitrag auszulassen. Besonders Genervte fordern mit einer Online-Petition, das Thema Genderkompetenz sei aus dem Lehrplan 21 zu kippen. Ganz zu schweigen, von all den anti-feministischen Parolen, denen man im Internet überall begegnen kann, sofern man sich das antun will.

Der Gender Backlash ist nun definitiv auch bei Frauen angekommen, von denen ich das nicht erwartet hätte. Das macht mir ernsthaft Sorgen. Es stimmt. Der lange Kampf für gleiche Rechte von Mann und Frau in der Schweiz war relativ erfolgreich (Die fehlenden Baustellen sind Wehrpflicht, AHV-Alter und Vaterschaftsurlaub). Vieles wurde angepasst und die Rechtsungleichheiten wurden grösstenteils ausgemerzt. Aber sind wir nun am Ende der Debatte? Machen wir nun Frauen zu Sonderlingen, wenn wir weiterhin auf Ungleichheiten hinweisen? Rechtsgleichheit ist nur eine Kehrseite der Medaille. Die andere Seite sind gesellschaftliche Normen und Ansprüche, wie Rollenerwartungen bei der Übernahme von Care-Arbeit, Rollenerwartungen an den idealen Arbeitnehmer, Erwartungen in Bezug auf das „Paarungsverhalten“ und die Sexualität, etc.

Und hier kommt Gender ins Spiel. Das Englische kennt zwei unterschiedliche Begriffe für Geschlecht: sex steht für das biologische Geschlecht, gender für das kulturell/gesellschaftliche definierte Geschlecht. Da wir in der deutschen Sprache diesen Unterschied nicht machen, verwenden wir in akademischen Debatten den englischen Begriff  Gender, wenn es um die soziale Konstruktion von Geschlecht geht. Gender ist kein Mythos, sondern eine analytisches Konzept. Es steht für die durch Gesellschaft geformte Geschlechterkultur/-identität. Und es ist hier wo wir ansetzen. Wir zeigen auf und klagen an, wo diese die Wahlmöglichkeiten von Frauen und Männern einschränkt.

Die heutige Situation der (mehrheitlichen) Rechtsgleichheit ist das Resultat intensiv geführter politischer Konflikte. Sie hat aber auch mit dem Wandel kultureller Denkmuster zu tun:  heute ist die grosse Mehrheit der Ansicht, Mann und Frau sollten gleiche Rechte haben. Für viele ist der Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit aber noch nicht ausgestanden. Wir wollen nicht nur dieselben formalen Rechte. Wir wollen auch dieselben Wahlmöglichkeiten haben. Wir suchen und hinterfragen Muster, Verhalten, Denkweisen. Tragen diese zur Benachteiligung aufgrund des Geschlechts bei, wollen wir sie durchbrechen und verändern. Wir untersuchen, inwiefern benachteiligende Verhaltensmuster durch staatliche Politik zementiert oder aufgeweicht werden können. Und ja. Diese Erkenntnisse sind unbequem. Die Debatten können schon mal nerven. Sie kratzen auch an den eigenen Lebenswelten, machen das Leben komplizierter. Aber es braucht die Genderdebatte, denn ohne sie, wird sich kaum was ändern. Und, es ist ein politischer Kampf. Die Gegnerschaft ist schon lange in Stellung, die Diskreditierung der Genderforschung eine ihrer Strategien. Besonders weh, tun da die Seitenhiebe aus der Ecke vermeintlicher Mitstreiterinnen.

Erschreckend ist, wie wenig die Kritisierenden von Genderforschung wissen. Schon vor vielen Jahren hat die feministische Forschung erkannt, dass Geschlecht nicht die einzige Quelle sozialer Ungleichheit ist. Die Sicht- und Denkweise kann, muss und soll auch auf andere Benachteiligungen (Klasse, Krankheit/Behinderung, Rasse, Alter, sexuelle Orientierung) übertragen werden. Insbesondere wird versucht die Struktur und Konsequenzen von sich überlappenden, gegenseitig verstärkenden Ungleichheiten zu erfassen (Fachbegriff: Intersektionalität). Wie in jeder Disziplin gibt es keine uniformen Positionen, sondern unterschiedliche Argumente, Lager und Debatten. Auch entwickeln sich die Konzepte, Analysen und Positionen. Es ist meiner Ansicht nach nicht legitim den akademischen Feminismus für Positionen aus den siebziger Jahren zu kritisieren, die intern schon lange als überholt gelten. Mehr als andere Disziplinen ist die Genderforschung zudem selbstkritisch. Isabelle Schläpfer, Studentin der Politikwissenschaft und Gender Studies in Bern, hat dies kürzlich sehr treffend formuliert: Diese Disziplin „hinterfragt sich selber, reibt sich an jenem, was unter­sucht werden will. Sie ist auch besonders beharr­lich, muss es sein, hat sie doch durch ihren kritischen Charakter den sisyphusartigen Anspruch, scheinbar Beständiges statt nur zu hinterfragen auch zu verän­dern. Damit es nicht mehr wie vorher wird.“ (Zeitschrift Gender Studies, Seite 11)

Der politische Anspruch wird der Geschlechterforschung mitunter zum Verhängnis, denn damit wird sie oft gleichgesetzt mit Interessenpolitik für Frauen. Auch gibt es eine Verwischung zwischen Konzepten und Positionen, diese werden verkürzt – teilweise auch verfälscht – dargestellt. Probleme, die einerseits auf der (unreflektierten) Sichtweise gewisser Exponentinnen gründen, andererseits aber auch damit zu tun haben, dass alle Betroffene sind, eine gewisse Expertise aufweisen und mitreden, ohne dass sie sich fundierte Genderkompetenzen aneignen würden. Genderforschung bleibt eine Randdisziplin, deren Berechtigung vom „Mainstream“ immer wieder in Frage gestellt wird. Sie steht auf wackeligen Füssen. Denn die, die von den ungleichen Verhältnissen profitieren, haben ein Interesse daran, Ungleichheit zu verwischen, zu verstecken, um sie nicht ändern zu müssen. Hier geht es um Politik und somit auch um Deutungsmacht.

Die Haltung der CVP-Spitze zur Familieninitiative: eine nette und eine böse Interpretation

Die SVP gibt vor, es gehe ihr bei der Familieninitiative um die Gleichstellung von Familienmodellen. Dies ist allerdings ein Trugschluss. Die SVP-Familieninitiative ist keine Vorlage für Familien, sondern eine Vorlage gegen die Aufweichung traditioneller Geschlechterrollen. Dies haben die CVP-Frauen erkannt und es ist ihnen gelungen die Parteidelegierten bei der Parolenfassung auf ihre Seite zu bringen (Tagesschaubeitrag vom 26.10.2013). Zudem ist die Vorlage teuer und hilft vor allem den begüterten (besonders eindrücklich dazu die Grafik von l’Hebdo). Wer sich genauer mit der Vorlage beschäftigt, sieht die Schwächen der Vorlage relativ rasch. Und so hat die CVP, die sich als Familienpartei positioniert, nun die Nein Parole beschlossen. Die Frage ist, ob sich die Stimmbürgerinnen genügend mit der Vorlage beschäftigen werden, um deren Schwächen auch zu erkennen. Zumindest die Parteileitung scheint dies eher zu bezweifeln und setzte sich mit Blick auf die CVP-Basis für ein Ja ein. Dies ist meine nette Interpretation der Haltung der Männer dominierten CVP-Spitze.

Erwähnenswert ist, dass in der CVP die Contra-Position eher von den Frauen kommt, während die Pro-Position tendenziell von den Männern geäussert wird. Meine böse Interpretation ist, dass es halt die Männer sind, die von der traditionellen Rollenteilung mehr profitieren konnten als die Frauen. Es ist doch schon auch auffällig, wie viele Männer derzeit über den Wert der unbezahlten Haus- und Betreuungsarbeit sprechen. Gleichzeitig fordern diese aber überhaupt nichts, was ihnen ermöglichen würde, selber mehr von dieser absolut wichtigen und wertvollen Arbeit leisten zu können (wie z.B. Elternurlaub, eine generelle Arbeitszeitverkürzung oder ein Recht auf Teilzeitarbeit).

Lieber ist ihnen jedes Mittel genehm, diese Aufgaben als primär weiblich – und insbesondere – mütterlich zu definieren, um so tradierte Rollenbilder, welche die Mütter entweder aus der Erwerbswelt ausschliessen oder diese als Zuverdienerinnen und Arbeitnehmerinnen zweiter Klasse degradieren, zu rechtfertigen. Sie sind sogar bereit eine problematische Vorlage zu unterstützen, deren eigentlicher Zweck ist, die bessere Rentabilität von Zweiteinkommen möglichst zu verhindern. Und dies noch mit Gerechtigkeits- und Gleichstellungsargumenten. Das tut irgendwie schon fast weh. Und ich hoffe nur, dass möglichst viele Frauen, und selbst die, die von der Vorlage vordergründig profitieren würden, erkennen, dass es hier um eine Vorlage geht, die gegen sie gerichtet ist (siehe hierzu auch mein Post „Moderne Familienpolitik: (k)eine Kampfansage an Hausfrau und Mutter“ – bitte bis zum Schluss lesen!). Und ich hoffe, dass viele Männer – auch solche aus dem bürgerlichen Lager – erkennen, dass dies keine gute und schon gar keine gerechte, geschweige denn freiheitliche, Politik sein kann.

Wenn unbezahlte Betreuungsarbeit plötzlich was kosten darf: der Zweck heiligt die Mittel

Etwas Gutes hat die Debatte über die Familieninitiative: plötzlich sprechen selbst die Konservativsten davon, wie wertvoll doch die Betreuungsarbeit sei und wie wichtig es sei, dass man dafür „auch etwas bekomme“. Ja, die unbezahlte Betreuungsarbeit, welche tagtäglich geleistet wird, ist sehr wertvoll. Und ja, die Betreuungsarbeit erhält zu wenig gesellschaftliche Anerkennung. (Das gilt übrigens auch für die professionelle Betreuungsarbeit. Diese wertvolle, anspruchsvolle und anstrengende Arbeit wird in unserer Gesellschaft auch eher schlecht entlohnt.)

Ist aber der von der SVP vorgeschlagene Steuerabzug ein guter – und vor allem gerechter – Weg, die unbezahlten Betreuungsleistungen und die damit verbundene Hausarbeit zu honorieren? Bei denjenigen, die viel Steuern zahlen, schenkt der Abzug mehr ein. Je mehr der Mann verdient, desto mehr erhält seine Frau also für ihre Dienstleistungen zuhause. Manchen mag das richtig und fair erscheinen. Eine gute Hausfrau und Mutter wird die Karriere ihres Mannes vorantreiben. Sie hält ihm den Rücken frei, kümmert sich um Haushalt, Kinder und soziale Kontakte, damit er sich ohne andere Verpflichtungen um die Maximierung des Einkommens kümmern kann. Da sollte sie schon eine höhere staatliche Entschädigung für die Betreuung der Kinder zuhause bekommen als eine Hausfrau, deren Mann es nicht sehr weit gebracht hat. Logisch – oder?

Teilt sich ein Paar die Betreuung der Kinder gleichwertig auf, wird es eher schwierig, ein hohes Einkommen zu erzielen. Aber wahrscheinlich ist dieses Paar aus Sicht der SVP selber Schuld. Da es sich nicht an das bewährte Hausfrau-Ernährer-Modell hält, kriegt es halt weniger staatlichen Zustupf für die Betreuung seiner Kinder. Eine geschlechtergerechte Aufteilung der Betreuungsarbeit sollte nicht noch zusätzlich honoriert werden…

Noch schlechter sieht es aus für Alleinerziehende, die keine oder nur niedrige Alimente erhalten. Wollen diese ihre Kinder selber betreuen sind sie auf Sozialhilfe angewiesen und zahlen kaum Steuern. Sie erhalten also abgesehen von der Überlebenssicherung keine staatliche Subvention für die riesige Betreuungsleistung, die sie ganz alleine meistern.

Entgegen den Versprechungen der SVP hat die SVP-Familieninitiative wenig mit einer gerechten Honorierung der Betreuungsarbeit zu tun. Viel mehr ist das Ziel, den Steuerabzug für Fremdbetreuungskosten wo immer möglich zu verhindern (siehe dazu auch hier und hier). Erwerbsarbeit für Frauen soll sich nicht auszahlen. Denn sonst würden ja traditionelle Rollenideale für Frauen und Männer noch stärker in Frage gestellt. Und vor allem diese werden mit der SVP-Initiative staatlich subventioniert.

Geschlechtergerechtigkeit geht nur ohne Wehrpflicht für Männer

Am 22. September lege ich mit Überzeugung ein Ja zur Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer in die Urne. Dies nicht, weil ich gegen die Armee bin und diese abschaffen möchte. Nein, ich will mit meiner Stimme ein Signal setzen gegen eine Verfassungsbestimmung, die meiner Vorstellung von Geschlechtergerechtigkeit zutiefst wiederspricht. Die Wehrpflicht für Männer ist eine staatliche Zementierung bestimmter Geschlechterrollen. Die Norm geht davon aus, dass die militärische Landesverteidigung Männersache ist. Frauen, so die Annahme sind für diese Aufgabe weniger geeignet und diese leisten ja mit der unbezahlten Pflege- und Hausarbeit bereits freiwillig genug Dienst an der Allgemeinheit.

Bezeichnend ist, dass Männer, die anstatt einer militärischen Kampfausbildung, Zivildienst im sozialen Bereich leisten, zu einem bedeutend längeren Dienst verpflichtet werden. Damit wird unter anderem signalisiert, dass die in militärische Ausbildung investierte Zeit wertvoller ist, als die in soziale Pflegearbeit investierte Zeit. Die gesellschaftliche Herabwertung typischer Frauenarbeit gegenüber typischer Männerarbeit ist eine der Hauptmechanismen zur Erhaltung von Geschlechterungleichheit und patriarchalischer Machtstrukturen. Es geht nicht an, dass ein moderner Staat diese Herabwertung in einer Verfassungsnorm zur gesellschaftlich anerkannten Norm setzt!

Direkt diskriminiert werden durch den Verfassungsartikel zudem alle, welche sich mit dieser klaren Rollenzuteilung nicht identifizieren können. Dies sind auf der einen Seite die Frauen, die sich in der militärischen Landesverteidigung engagieren wollen. Sie mussten sich das Recht auf Militärdienst hart erkämpfen. Nach wie vor werden weibliche Angehörige der Armee aber eher belächelt und sie müssen ihre Wahl viel stärker rechtfertigen als die Männer. Sie können aufgrund der ungleichen rechtlichen Bedingungen nicht unter denselben Voraussetzungen mitmachen, wie ihre männlichen Kollegen.

Direkt diskriminiert werden auch alle Männer, welche sich nicht mehr mit der traditionellen Männerrolle identifizieren können. Sie übernehmen heute vielleicht sogar noch mehr Betreuungsarbeit als ihre Partnerinnen. Trotzdem müssen sie zum Militär- oder Zivildienst. Wie soll das nun gehen, wenn er in den Zivildienst muss und sie voll erwerbstätig ist – wer betreut dann die Kinder? Es geht doch nicht an, dass aufgrund der Wehrpflicht für Männer eine Familie daran gehindert wird, eine andere interne Rollenteilung zu wählen als die traditionelle.

Da die heutige Armee bereits heute eher zu gross ist, macht eine Ausdehnung  der allgemeinen Wehrpflicht auf die Frauen wenig Sinn. Ich bin daher klar für die Abschaffung der Wehrpflicht für Männer. Eine Möglichkeit wäre, diese durch eine freiwillige Miliz zu ersetzen, welche Frauen und Männern, die sich für die Landesverteidigung einsetzen wollen, gleiche Spiesse gibt. Eine andere Möglichkeit wäre die Einführung einer allgemeinen Pflicht zum Dienst an der Gesellschaft für alle Schweizerinnen und Schweizer, der gleichwertig im zivilen oder militärischen Bereich geleistet werden könnte. Diese wäre  durchaus auch eine geschlechtergerechte Lösung.