Archiv für den Monat: Januar 2014

Gegen die Kollektivbestrafung

Während die Gesellschaft immer individualisierter wird, reagiert sie auf problematisches Verhalten Einzelner immer häufiger mit einer Beschränkung der Allgemeinheit.

Als ich 12 Jahre alt war, zogen wir nach einem längeren Auslandaufenthalt wieder in die Schweiz. Sämtliche der Nachbarskinder, mit denen ich in der Folge meine Nachmittage auf Quartiersträsschen spielend verbrachte, mussten immer um 18 Uhr zuhause sein. Um 18 Uhr war Zeit fürs Znacht. Und das in allen Familien. Nur meine Eltern hielten sich nicht an diese Konvention (Mein Vater pendelte und kam später und auch nicht immer zur gleichen Zeit nachhause). Ich lernte aber sehr rasch, dass ich meine Gspändli zwischen 18 Uhr und 18Uhr30 weder anrufen noch hinausklingeln durfte. Das galt als sehr rücksichtsloses Verhalten.

Heute gibt es wohl immer weniger Familien, die täglich zur selben Zeit Essen. Auch sonst gibt es weniger Konventionen, Normen und Sitten. Rücksichtsvoll sein – damit haben wir es auch nicht mehr so stark. Selbstverwirklichung, Kreativität, und Individualität gelten als ebenso wichtig – und manchmal leider auch auf Kosten der Rücksicht.

Ich gehöre nicht zu jenen, die sich nach den alten, engen gesellschaftlichen Korsetten zurücksehen, die sich die Gesellschaft kollektiv auferlegt hat. Aber ich beobachte, dass wir zunehmend, das was früher über gesellschaftliche Verhaltensnormen geregelt war, über generelle Regeln und Verbote erreichen wollen. Anstatt diejenigen direkt zurechtzuweisen oder zu bestrafen, die sich rücksichtslos verhalten und gesellschaftliche oder staatliche Normen brechen, werden Regeln gefordert, die zu einer Einschränkung der Allgemeinheit führen. „Bestraft“ werden damit auch alle, die sich korrekt verhalten. Das ist ein hoher Preis, den wir für den Verlust gesellschaftlicher Normen bezahlen.

Ich könnte zig Beispiele nennen. Da gibt es den Fall des Freizeitbades, das angibt, nach dem Besuch einer Behindertengruppe Fäkalien im Wasser gefunden zu haben. Anstatt die betreffende Gruppe darüber zu informieren und entsprechende Schutzwäsche zu fordern, reagiert das Bad mit der generellen Zutrittsverweigerung für behinderte Menschen. Was ist die Reaktion auf Probleme mit Jugendlichen, die im öffentlichen Raum Trinkgelage abhalten? Ein generelles nächtliches Alkoholverkaufsverbot. Und weil sich ein Teil der Besucher von Sportveranstaltungen regelmässig zu Gewaltexzessen hinreissen lässt, werden kollektiv gegen alle Fans der betroffenen Veranstaltungen Zwangsmassnahmen verhängt.

Man kann nun argumentieren, die Sportfans seien ja selber schuld, wenn sie die radikalen Elemente in ihren Reihen nicht im Griff hätten. Dies ist die gängige Argumentation in der Schweiz – auch in Zusammenhang mit Protestgruppen und Demonstrationen. Die Kollektivbestrafung ist aber einfach eine Kapitulation vor den Rücksichtlosen, die zum weiteren Verlust der gesellschaftlichen Selbstregulierungsfähigkeit beiträgt.

Was viele verkennen, ist, dass mit der Kultur der Kollektivbestrafung gesellschaftliche Verhaltensregeln weiter unterminiert werden. So werden zum Beispiel diejenigen Fans, die eigentlich nichts mit Hooliganismus anfangen können, aufgrund der Zwangsmassnahmen denen sie ausgesetzt sind, mitradikalisiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in den Fanklubs eine friedlichere, oder gar gewaltverachtende Fankultur herausbilden kann (das absolut günstigste und wirksamste Mittel gegen Fangewalt – siehe z.B. USA) sinkt gegen Null.

Die Lösung ist natürlich nicht, dass man die Rücksichtslosen und Gewalttätigen einfach machen lässt. Im Gegenteil, was es braucht sind griffige aber sehr gezielte Mittel und ein konsequentes Eingreifen gegen dieses Verhalten. Die Devise sollte lauten, die Individuen, die sich korrekt verhalten, vor der Vereinnahmung durch Rücksichtslose zu schützen – seien dies nun Fans, Demonstrierende, Konsumentinnen, Jugendliche, Eltern, Behindertenbetreuer oder was auch immer. In der kurzen Frist mögen gezielte Massnahmen teurer und schwieriger sein und mehr Engagement verlangen als die einfacher auszusprechenden generellen Verbote. In der langen Frist würden sie sich aber auszahlen. Der Preis der generellen Verbote und Kollektivbestrafungen ist viel höher. Sie fördern Wut und Aggressionen, und führen zu einem Verlust an Selbstverantwortung, Rücksichtnahme und letztendlich Freiheit.