Archiv für den Monat: September 2013

Medien. Auf dem rechten und linken Auge blind

Die Medien, so höre ich immer wieder, sind alle auf dem rechten Auge blind. Auch von Bundespräsident Ueli Maurer, der diesen Vorwurf in seiner Rede am Schweizer Medienkongress vorbrachte. Medien hätten ihre Thesen, welche sie nie in Frage stellten. So steht in seiner Rede zu den anwesenden Medienschaffenden: „Ich nenne Ihnen hier einige Ihrer Glaubenssätze:

  • Der Klimawandel ist dem Menschen anzulasten.
  • Atomenergie ist böse, Alternativenergien sind gut.
  • Einwanderung ist eine Bereicherung, auch dann noch, wenn in einem kleinen Land die Nettozuwanderung um die 80‘000 Personen pro Jahr beträgt.
  • Internationale Lösungen sind immer besser als nationale.
  • Die Schweiz ist immer im Unrecht, die Vorwürfe an unser Land können noch so absurd und durchsichtig sein.
  • Der Staat ist verantwortungsvoller als der Bürger.“

Es mag ja sein, dass in der Zunft der Medienschaffenden (vor allem bei den Medien mit überregionaler Ausstrahlung) ein urbanes, sozial- und umweltbewusstes Bildungsbürgertum eher übervertreten ist. Ihnen pauschal oben genannte Thesen als Glaubensbekenntnisse zu unterstellen, ist wohl eher politische Rhetorik denn Realität.

Meinungsvielfalt vermisse in den Medien zwar auch. Das Problem ist allerdings, dass die Medienschaffenden oft überhaupt keine Meinung mehr äussern und vertreten. Und hier haben die Verleger durchaus eine Verantwortung: es sollen keine Inserenten oder Leserinnen vergrault werden, indem man sich politisch zu weit hinauslehnt. Bezeichnend ist hier die Geschichte mit der Annabelle Chefredaktorin, die nach Zurückpfiff von Tamedia-Verleger Supino auf die Promotion von Quoten in der Zeitschrift verzichtet. Man einigte sich darauf, dass politische Kampagnen in einer Frauenzeitschrift nichts verloren hätten. Schade eigentlich.

Passend dazu auch folgender Schwank aus meinem Leben. Als junge Studentin habe ich für eine Regionalzeitung gejobbt. Einmal durfte ich zusammen mit einem Regionalredaktor (bekennendes SP-Mitglied) und der Fotografin über den Jubiläumsanlass einer Landmaschinenfabrik berichten. Es war ein Grossereignis für die Region, vor allem auch weil es den Organisatoren gelungen war, mehrere hochrangige Bauernpolitiker für eine Diskussionsrunde zu gewinnen. Wir hatten also den Auftrag, eine ganze Seite zu gestalten, die bereits am nächsten Tag erscheinen sollte. Dies bedeutete zwar eine Nachtschicht, aber die Seite wurde wunderschön — bebildert mit Riesentraktoren, prallvollem Festzelt und Promis. Einziger Makel, aus der Sicht des Landmaschinenfabrikanten, der Redaktor und ich hatten die Frechheit, einen kleinen Kommentar dazu zu schreiben, indem wir leichte Kritik an der Diskussionsrunde (bei der Studierende kritische Fragen stellten, welche von den Politikern nicht beantwortet wurden) übten. Die Folge: wir wurden vom Chef zitiert. Auch mussten wir zu einer Aussprache mit dem Landmaschinenfabrikanten, der es nicht fassen konnte, dass wir die an und für sich prachtvolle Gratiswerbeseite für seinen Betrieb, mit unserem Kommentar getrübt hatten. Dabei versuchte er uns „Sozis“ davon zu überzeugen, dass doch das marktwirtschaftliche Modell das einzige sei, das wirklich funktioniere. Zu meiner Verteidigung konnte ich dazu lediglich sagen, dass ich die Kritik an einem staatlichen Subventionssystem keineswegs als Kritik am Kapitalismus verstehe. Aber ich weiss nicht, ob dies wirklich angekommen ist. Schliesslich werden die Subventionen ja an die Bauern ausbezahlt, welche dann damit auf dem freien Markt Landmaschinen und Saatgut etc. kaufen…

Wie häufig sich Medien selber Maulkörbe auferlegen, um gute Kunden nicht zu verärgern, weiss ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass so etwas gerade auf lokaler/regionaler Ebene kein Einzelfall war und immer noch vorkommt. Zumindest fällt auf, dass die wenigen Medien, welche noch immer auf Thesenjournalismus setzen und eine klare politische Vision vertreten — sei diese rechts oder links — nicht primär aufgrund von Inseraten und Abos überleben, sondern aufgrund von Spendern/Gönnern mit politischen Interessen (siehe z.B. WOZ oder Weltwoche). Wenn also die Medienschaffenden unabhängig und meinungsvielfältig berichten sollten, dann ist es wohl unumgänglich, sich über die Finanzierung der Medienarbeit vertiefter Gedanken zu machen.

Geschlechtergerechtigkeit geht nur ohne Wehrpflicht für Männer

Am 22. September lege ich mit Überzeugung ein Ja zur Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer in die Urne. Dies nicht, weil ich gegen die Armee bin und diese abschaffen möchte. Nein, ich will mit meiner Stimme ein Signal setzen gegen eine Verfassungsbestimmung, die meiner Vorstellung von Geschlechtergerechtigkeit zutiefst wiederspricht. Die Wehrpflicht für Männer ist eine staatliche Zementierung bestimmter Geschlechterrollen. Die Norm geht davon aus, dass die militärische Landesverteidigung Männersache ist. Frauen, so die Annahme sind für diese Aufgabe weniger geeignet und diese leisten ja mit der unbezahlten Pflege- und Hausarbeit bereits freiwillig genug Dienst an der Allgemeinheit.

Bezeichnend ist, dass Männer, die anstatt einer militärischen Kampfausbildung, Zivildienst im sozialen Bereich leisten, zu einem bedeutend längeren Dienst verpflichtet werden. Damit wird unter anderem signalisiert, dass die in militärische Ausbildung investierte Zeit wertvoller ist, als die in soziale Pflegearbeit investierte Zeit. Die gesellschaftliche Herabwertung typischer Frauenarbeit gegenüber typischer Männerarbeit ist eine der Hauptmechanismen zur Erhaltung von Geschlechterungleichheit und patriarchalischer Machtstrukturen. Es geht nicht an, dass ein moderner Staat diese Herabwertung in einer Verfassungsnorm zur gesellschaftlich anerkannten Norm setzt!

Direkt diskriminiert werden durch den Verfassungsartikel zudem alle, welche sich mit dieser klaren Rollenzuteilung nicht identifizieren können. Dies sind auf der einen Seite die Frauen, die sich in der militärischen Landesverteidigung engagieren wollen. Sie mussten sich das Recht auf Militärdienst hart erkämpfen. Nach wie vor werden weibliche Angehörige der Armee aber eher belächelt und sie müssen ihre Wahl viel stärker rechtfertigen als die Männer. Sie können aufgrund der ungleichen rechtlichen Bedingungen nicht unter denselben Voraussetzungen mitmachen, wie ihre männlichen Kollegen.

Direkt diskriminiert werden auch alle Männer, welche sich nicht mehr mit der traditionellen Männerrolle identifizieren können. Sie übernehmen heute vielleicht sogar noch mehr Betreuungsarbeit als ihre Partnerinnen. Trotzdem müssen sie zum Militär- oder Zivildienst. Wie soll das nun gehen, wenn er in den Zivildienst muss und sie voll erwerbstätig ist – wer betreut dann die Kinder? Es geht doch nicht an, dass aufgrund der Wehrpflicht für Männer eine Familie daran gehindert wird, eine andere interne Rollenteilung zu wählen als die traditionelle.

Da die heutige Armee bereits heute eher zu gross ist, macht eine Ausdehnung  der allgemeinen Wehrpflicht auf die Frauen wenig Sinn. Ich bin daher klar für die Abschaffung der Wehrpflicht für Männer. Eine Möglichkeit wäre, diese durch eine freiwillige Miliz zu ersetzen, welche Frauen und Männern, die sich für die Landesverteidigung einsetzen wollen, gleiche Spiesse gibt. Eine andere Möglichkeit wäre die Einführung einer allgemeinen Pflicht zum Dienst an der Gesellschaft für alle Schweizerinnen und Schweizer, der gleichwertig im zivilen oder militärischen Bereich geleistet werden könnte. Diese wäre  durchaus auch eine geschlechtergerechte Lösung.

Zweiteinkommen – von wegen Luxus

Nach der Abstimmung zum Familienartikel erschien in der Aargauer Zeitung ein Interview, in dem ich auf die Gründe und mögliche Folgen der Nichtannahme hingewiesen habe. Zustimmende Kommentare gab es keine und der Titel, in dem ich als „Familien-Expertin“ bezeichnet werde, hat diese wohl noch gefördert. Nachdenklich gestimmt hat mich aber vor allem folgendes Statement einer Kommentatorin:

„Ich bin glücklich über das Abstimmungsergebnis. Es geht mir nicht um diejenigen Frauen, welche arbeiten müssen (zuwenig Geld) oder Alleinerziehend. Aber ich sehe in meiner Firma genügend Frauen, welche „des Luxus“ Willen arbeiten und das Kind wird einfach in die Krippe abgegeben! Und das ganze wird von uns Steuerzahlern finanziert? NEIN DANKE!

Diese Frau betrachtet Zweiteinkommen als Luxus. Ist das wirklich so? Der Familienmonitor des gfsbern.ch, zeigt deutlich, dass diese Sichtweise falsch und problematisch ist. Denn auch mit Zweiteinkommen (die meisten Familienhaushalte mit zwei Elternteilen verfügen inzwischen über ein solches) werden die Familien in der Mehrheit an den unteren Rand der Einkommensskala gedrängt.

Mit Luxus hat das zweite Einkommen also für die meisten wenig zu tun. Viel mehr scheint es als  eher verzweifelten Versuch, den Status zu erhalten, wenn Kinder im Haushalt leben. Verzweifelt, weil es vielen eben trotz allem nicht gelingt. Familien geraten immer stärker unter Druck. Laut Familienmonitor haben sich die finanziellen Bedingungen der Familien fast durchwegs verschlechtert. In der neusten Ausgabe des Familienmonitors werden 74 Prozent der befragten Personen in Familienhaushalten mit einem Mittelschichtseinkommen der unteren Mittelschicht zugeteilt. Nur knapp 7 Prozent gehören zur oberen Mittelschicht. Auch andere Statistiken zeigen, dass Familienhaushalte bei den „Einkommensschwachen“ und in der „unteren Mitte“ klar übervertreten sind (Bundesamt für Statistik: „Die Mitte im Fokus“, S. 19). Und dazu gehören nicht nur die Einelternfamilien oder die kinderreichen Familien. Auch die „typische“ Kernfamilie, Vater – Mutter – ein/zwei  Kinder, ist im unteren Bereich deutlich übervertreten.

Sicher basiert der Verzicht auf Einkommen und die damit verbundene Investition in Familienzeit zum Teil auf freier Wahl. Aber eben nur teilweise, wie der Bericht weiter aufzeigt (siehe dazu  meinen Kommentar, welcher dem Bericht angehängt ist.) Die Kosten des Zweiteinkommens sind oft so hoch, dass sich mehr als ein kleines Teilpensum einfach nicht lohnt. Wie verschiedene Studien und auch meine Berechnungen für die Stadt Bern zeigen, sind die Steuer- und Subventionssysteme für die Kinderbetreuung in der Schweiz nicht selten so ausgestaltet, dass sich höhere Pensen negativ auf das Einkommen auswirken. Betroffen ist davon sind vor allem mittelhohe Einkommen.

Der eigentliche „Luxus“, den wir uns in der Schweiz leisten, in diesem Einkommenssegment, derart starke Anreize gegen die Erwerbsarbeit von Müttern zu setzen. Dies obwohl eigentlich klar ist, dass die öffentlichen Gelder, welche in die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in Form von längerfristig höherem Steuervolumen und höheren Beiträgen an die Sozialversicherungen längst kompensiert werden.

Die Kosten der negativen Anreize gegen die Erwerbsarbeit von Müttern, tragen die Familien. Besonders eng wird es vor allem für die, welche jung Kinder haben und nicht auf angesparte Gelder durch eine längere Phase mit Doppeleinkommen zurückgreifen können. Mir ist eigentlich unbegreiflich, wie man anhand der deutlichen Statistiken und Trends der Ansicht sein kann, Zweiteinkommen seien ein Luxus.

Man kann ja schon argumentieren, Familien mit Zweiteinkommen müssten denen, welche ihre Kinder selber betreuen, gleich gestellt werden. Man sollte sich einfach bewusst sein, dass die Zahlungskraft in der Schweiz bereits heute immer stärker durch kinderlose Haushalte bestimmt wird. Anstatt Familienmodelle gegeneinander auszuspielen, wäre eher angebracht zu überlegen, wie verhindern werden kann, dass die Familien noch stärker an den Rand gedrängt werden.