Archiv für den Monat: März 2013

Liberale Ideale in einer konservativen Gesellschaft

Als Studentin besuchte ich die Vorlesung „Politische Ideen und ihre Träger“ bei Andreas Ladner. Einmal gab es einen Gastvortrag eines Exponenten der FDP zum Thema Liberalismus. Den Namen der Person weiss ich nicht mehr, ich erinnere mich aber noch gut an seine Definition des Liberalismus. Für ihn bedeutete dies möglichst wenig staatliche Intervention und das Prinzip der Subsidiarität: der Staat greift erst ein, wenn das Individuum nicht mehr in der Lage ist, für sich selber zu sorgen. So schön so gut. Das Beispiel, welches er dann brachte um aufzuzeigen, wie er diese Ideologie selber lebt, hat mich nicht besonders überzeugt. Er erzählte, wie sich seine Frau um seine betagte Mutter kümmert und so keine der Allgemeinheit aufzubürdenden Pflegekosten entstehen würden.

Liberalismus – zumindest so wie er ihn sah – schien er offenbar eng mit dem Selbstverständnis zu verknüpfen, dass die Frauen den Grossteil der Pflege- und Sorgearbeit in der Familie zu leisten hätten. Im Fachjargon nennen wir dieses Selbstverständnis oder Ideal das „male-breadwinner/female-carer model“ oder auf deutsch die „männliche Versorgerehe“. Gemäss diesem Modell kümmern sich die Männer um die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Staat. Von deren Einkommen (und Sozialleistungen) sind dann die Frauen abhängig, welche dafür Zeit haben, sich um das Wohl der Kinder, des Mannes und der betagten Eltern zu kümmern. Für die Arbeitgeber ist dieses häusliche Arbeitsteilungsmodell durchaus praktisch. Sie können auf die Arbeitskräfte zurückgreifen, ohne dass deren Verfügbarkeit gross durch Familienpflichten eingeschränkt wird.

Die männliche Versogerehe war nie ein universell gelebtes Modell. Erst mit dem grossen wirtschaftlichen Boom der Zeit nach dem 2. Weltkrieg konnte es sich eine grosse Zahl von Familien überhaupt leisten, von einem einzelnen Einkommen zu leben. Dies war die Zeit als  unsere Sozialversicherungswerke aufgebaut wurden. Unter massgeblichem Einfluss der FDP wurden damals Institutionen geschaffen, welche das Recht der Ehefrauen auf Sozialverschersicherungsleistungen von der wirtschaftlichen Leistung ihrer Ehemänner abhängig machten. Bis vor 30 Jahren waren die Ehefrauen ihren Männern rechtlich untergeordnet und unser Steuersystem bevorzugt noch heute eine eher traditionelle familiäre Rollenteilung.

 Heute getraut sich kaum mehr ein Politiker das traditionelle Rollenmodell als Ideal darzustellen.

Das Rollenverständnis vieler Frauen (und teilweise auch der Männer) hat sich aber verändert. Die Frauen erhielten das Stimmrecht auf nationaler Ebene, sie wurden aktiv auf politischer Ebene, wählten immer mehr auch anspruchsvolle Ausbildungen und die Rolle der abhängigen Ehefrau wurde für immer weniger Frauen das erstrebenswerte Lebensziel. Heute getraut sich kaum mehr ein Politiker das traditionelle Rollenmodell als Ideal darzustellen. Wenn dies noch jemand offen tut, dann sind es eher konservative Frauen. Ein prominentes Beispiel ist Jasmin Hutter, welche während der Schwangerschaft demonstrativ ihren Nationalratsposten räumte, um sich ganz ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter widmen zu können.

Wenn das traditionelle Rollenmodell für die Liberalen aber kein Ideal mehr ist, welches Rollenmodell ist es dann? Und wie genau sähe eine liberale Politik aus, welche es Männern und Frauen  ermöglicht als Individuen ihre Rolle als Arbeitskräfte einerseits und ihre Rolle als Verantwortliche für Pflege und Sorgearbeit in der Familie einzunehmen? Für die Linke scheint klar zu sein, dass der Staat einspringen muss. In einem relativ egalitären Land wie der Schweiz (die Lohnungleichheit in unserem Land ist um einiges kleiner als in den klassischen liberalen Ländern wie z.B. in den USA) können sich die meisten Familien nicht leisten, die Pflegeleistungen an den Markt auszulagern. Ohne staatliche Subventionen ist die Doppelerwerbstätigkeit somit nur für eine Minderheit der Familien eine Option.

Für viele Liberale scheint, wie die Positionsbezüge anlässlich des Familienartikels  jüngst aufzeigten, eine Lösung mit staatlichen Subventionen nicht akzeptabel. Wenn also Liberalismus (à la Suisse) nicht gleichzeitig die Promotion einer traditionellen Geschlechterteilung zwischen Männern und Frauen beinhalten soll, gibt es eigentlich nur zwei Optionen:

  • Option 1 nennen wir im Fachjargon das „universal-breadwinner-and-carer model“, also ein Ideal, bei dem von jedem Individuum erwartet wird, dass es sowohl erwerbstätig ist und auch unentgeltliche Pflege- und Sorgearbeit übernimmt (sei dies für Kinder, betagte Eltern oder auch andere Personen).
  • Die zweite Option wäre, dass Paare weiterhin aushandeln, dass eine Person hauptsächlich einer bezahlten Arbeit nachgeht und die zweite hauptsächlich die Pflegearbeit übernimmt, wobei allerdings die Rahmenbedingungen so gesetzt werden müssten, dass Frauen und Männer bei dieser Aushandlung mit gleich langen Spiessen verhandeln.

In der Folge werde ich die (staatlichen/arbeitsmarktlichen) Grundbedingungen besprechen, welche  für die Umsetzung der 1. Optionen notwendig wären. Diese Option scheint mir in Hinblick auf eine „liberale Haltung“ eher vertretbar, da sie keine innerfamiliären Abhängigkeiten schafft und somit das Individuum und nicht die Familie in die Pflicht nimmt.

Gleichstellung der Geschlechter ist erst möglich, wenn die Arbeitgeber keine geschlechtsspezifischen Erwartungen mehr haben, wer Betreuungsarbeit in der Familie zu leisten hat.

Sollen alle Individuen sowohl für Pflege- wie auch für Erwerbsarbeit zuständig sein, so geht dies nicht, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob dies mit einem Normarbeitstag von über 8,4 Stunden wirklich umsetzbar ist. Solange man sich mit kürzeren Arbeitspensen praktisch alle Optionen auf berufliches Weiterkommen verspielt, ist das Modell alle sind Pflegende und Erwerbstätige nicht umzusetzen. Zumindest ginge dies nicht ohne einen starken Einbezug von Fremdbetreuung, was aber wiederum bedingen würde, dass diese erschwinglich sein müsste.

Eine gesetzlich festgelegte Arbeitszeit scheint mir eher etwas unliberal und man müsste sich auch Gedanken dazu machen, wie man eine Flexibilisierung hinbekommt. Aber das Ideal des Individuums als Arbeitskraft und Betreuungsperson wäre meiner Meinung nach nur umsetzbar, wenn die Normarbeitszeit deutlich reduziert würde. Viel mehr als 37 Stunden pro Woche dürften es wohl nicht sein. Während der ersten Lebensjahre der Kinder, wenn ein Kind krank ist, oder wenn die Pflegebelastung bei weiteren Angehörigen sehr stark ist, müssten sowohl Männer wie Frauen die Möglichkeit haben einen (Teil)Urlaub zu beziehen (d.h. für Stunden, Tage oder im Fall eines neugeborenen Kindes auch mehrere Monate der Erwerbsarbeit fern zu bleiben), um den intensiven Pflegeverpflichtungen nachkommen zu können. Erst wenn die Arbeitgeber keine geschlechtsspezifischen Erwartungen mehr haben, wer (Männer oder Frauen) diese Pflegeurlaube beziehen soll/darf/muss, erst dann werden wir auch Lohngleichheit und echte Gleichstellung der Geschlechter haben.

Heute scheinen wir in der Schweiz Lichtjahre weit entfernt von den Grundbedingungen, welche notwendig wären, um Frauen und Männern im Aushandeln um die familieninterne Arbeitsteilung gleichlange Spiesse zu gewähren, geschweige denn von einer Gesellschaft, in denen alle – auch Männer und Alleinerziehende – die Möglichkeit haben Familienpflege selbstverantwortlich wahrzunehmen. Das Resultat ist eines der konservativsten Geschlechterregime in der westlichen Welt. Eine Gesellschaft, in denen die männliche Versorgerehe weitergelebt wird – und zwar in einer modifizierten Form: Die Männer übernehmen die Hauptverantwortung für das Einkommen und etwas mehr Verantwortung für die Kinder als noch unsere Väter. Die Mütter aber halten den Männern nach wie vor den Rücken frei und verdienen ein meist kleines Zweiteinkommen. Wenn das Kind klein oder krank ist, bleiben sie zuhause und wenn später die Schwiegermutter pflegebedürftig wird, kümmern sie sich nicht selten auch noch um sie. Sie war es schliesslich, die durch ihre Grosi-Pflichten mitgeholfen hat die Teilzeitarbeit der jungen Mutter überhaupt erst zu ermöglichen.

Zu verdanken haben wir diese Situation einem Verständnis von Liberalismus bei dem der Mann von Selbstverantwortung spricht, damit aber eigentlich die Betreuungsdienstleistungen seiner abhängigen Ehefrau meint.

Kinderglück und Mutterunglück

Im Durchschnitt und kontrolliert für andere Einflussfaktoren, wie Gesundheit, Bildung und Erwerbstätigkeit, sind Frauen mit Kindern in der Schweiz weniger zufrieden mit ihrem Leben, als solche ohne Kinder. Diesen Zusammenhang finden wir in Dänemark, welches die Vereinbarkeit von Familie und Beruf umfassend fördert, nicht. Auch für Männer scheint der Zusammenhang nicht zu bestehen.[1] Das Ergebnis ist robust und lässt sich auch mit Längsschnittdaten (SHP) aufzeigen. D.h. im Schnitt ist eine Frau in der Schweiz vor der Geburt ihres ersten Kindes zufriedener mit ihrem Leben als nachher. Für viele Frauen steigt zwar das persönliche Glück für die kurze Phase in der sie ein neugeborenes Kind umsorgen können, dieser Effekt verschwindet aber wieder, sobald die Kinder grösser sind.

Es braucht mehr Forschung, um die Ursachen dieses Zusammenhangs genauer zu ergründen. Ich für meinen Teil, kann es mir aber gut erklären. Zwar würde ich sofort unterschreiben, dass mich meine Kinder glücklich machen, trotzdem muss ich zugeben, dass meine Gesamtsituation Punkto Lebenszufriedenheit seit ich Mutter bin eher abgenommen hat. Dafür gibt es einige Gründe:

  • Ich arbeite regelmässig zwei Schichten: d.h. vor und nach der Bürozeit ist Familienzeit und Hausarbeit angesagt. Zwar teile ich diese beiden Dinge mit meinem Partner, der die Kinder von der Kita holt und jeden Abend ebenfalls voll für sie da ist, aber der eigentliche Arbeitstag ist halt schon sehr lang – für beide.
  • Für persönliche Freizeit und Spontanität (z.B. kurz mal nach der Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen ein Bier trinken gehen) bleibt kaum Raum.
  • Auch die Organisation ist zeitauf- und nervenaufwendig. Je älter die Kinder werden, desto mehr Dinge (z.B. Kinderbetreuung, Kindergarten, Schule, Schwimmkurs, Schulzahnpflege,  und und und) müssen organisiert und koordiniert werden. Dies ist vor allem auch deshalb so mühsam, weil im gesellschaftlichen Alltag immer noch relativ wenig Rücksicht auf die Erwerbstätigkeit der Eltern genommen.
  • Trotz allem Jonglieren und der doppelten Schichten mache ich sowohl beruflich (und vor allem da) wie auch in der Familie Abstriche, was eben der Zufriedenheit eher abträglich ist.
  • Noch viel unglücklicher wäre ich allerdings, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte dem Familienalltag regelmässig den Rücken zu kehren, um meinem derzeit einzigen „Hobby“, der Arbeit an der Uni, nachzugehen. Ich bin meinem Mann dankbar, dass er dies auch so sieht und deshalb mein „Hobby“ mitfinanziert und so dazu beiträgt, dass ich meine hart erarbeitete berufliche Qualifikation erhalten und vertiefen kann.

Ich denke, dass es vielen erwerbstätigen Müttern ähnlich geht wie mir. Mütter, die nicht oder nur wenig erwerbstätig sind, dürften dafür eher die Herausforderungen und sozialen Interaktionen des Berufsalltags vermissen. Wahrscheinlich gibt es sie sogar, die Vollzeitmütter, welche mit ihrer Situation vollumfänglich zufrieden sind. Aber — und darauf deuten die Statistiken zur Lebenszufriedenheit — diese befinden sich immer mehr in der Minderheit. Ich bin überzeugt, dass eine bessere und adäquatere Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in unserem Land viel bringen würde. Je normaler es wird, dass auch Mütter erwerbstätig sind (und damit meine ich nicht nur ein kleines Zweiteinkommen), desto einfacher wird es für die, die es jetzt schon sind.

Besonders unglücklich macht mich heute der Ausgang der eidgenössischen Abstimmung zum Familienartikel. Mit diesem Artikel hätte die Schweiz zumindest das Signal ausgesendet, dass die Bemühungen von Familien wie der unseren, in diesem Land gesellschaftliche Anerkennung finden. Ich habe zwar schon ein wenig damit gerechnet, dass eine Minderheit der Bevölkerung, welche aber eine Mehrheit der Stände repräsentiert, den Artikel zu Fall bringen könnte, dass es jetzt so herausgekommen ist – und dann noch derart knapp – ist trotzdem ein Riesendämpfer!

 

[1] Christofferson, Henrik, Michelle Beyeler, Reiner Eichenberger, Peter Nannestad und Martin Paldam (2013, im Erscheinen) The Good Society – A Comparative Study of Denmark and Switzerland. Heidelberg: Springer.