Archiv für den Monat: Februar 2013

Neue Dimensionen für unseren politischen Raum?

In seinem Blog bespricht Claude Longchamp eine interessante  Studie zur politischen Verortung der Medien in der Schweiz  (Lizentiatsarbeit von Jan Vontobel) und schlägt vor, dass verwendete Konzept, welches von drei Dimensionen im politischen Raum ausgeht, weiter für die Verortung der Parteien zu verwenden. Mich begeistert die Idee nur bedingt. Drei Dimensionen lassen sich ja gerade noch einigermassen grafisch darstellen. Aber was, wenn uns dann komplexere Analysetechniken aufzeigen, dass doch eigentlich vier – oder vielleicht fünf, sechs Dimensionen relevant sind. Mein Kollege Daniel Schwarz vertritt sogar der Ansicht, dass die zweite Dimension bereits wieder an Bedeutung verloren hat. Noch viel wichtiger als die Frage der Zahl der Dimensionen, finde ich allerdings die Frage, wie denn diese empirisch hergeleiteten Dimensionen genau zu bezeichnen wären.

In meiner Vorlesung zur empirischen Forschung behandle ich auch die Frage der Definition und Spezifikation von Konzepten. Dabei verweise ich jeweils auf das Modell des politischen Raums von sotomo als Beispiel für eine problematische Konzeptualisierung. Basierend auf dem verwendeten Konzept des politischen Raums wurde auf der offiziellen Broschüre zu den nationalen Wahlen von 2011 eine Torte mit der Verortung der Parlamentsmitglieder abgebildet. Die Grafik und die Methodologie können hier konsultiert werden: http://www.sotomo.ch/themen/parlament-und-parteien.

torte

Problematisch ist das Konzept, wie ich dann jeweils ausführe, nicht wegen der vorgeschlagenen Klassifikation an sich oder den verwendeten empirischen Modellen (die ich im Übrigen als legitim, korrekt und wissenschaftlich bezeichnen würde), sondern weil für die Bezeichnung der empirisch gefundenen und beschriebenen Dimensionen Begriffe verwendet werden (links-rechts) (konservativ-liberal) die nur bedingt mit deren alltagssprachlichen Bedeutung übereinstimmen.

Z.B. ist doch die Grundthese des Liberalismus (wie er gemeinhin verstanden wird) die ökonomische Eigenverantwortung und nicht die Integration von Fremden. Etwas besser wäre wohl man würde für die vorgeschlagene Dimension, wie dies beispielsweise Kitschelt getan hat, die Bezeichnung libertär verwenden. Auch stehen die Bezeichnungen „links“ und „rechts“ in unserem Alltagsverständnis für viel mehr als nur für die Dimension Staat-Markt. So ist Rechtsextremismus wohl für die wenigsten gleichzusetzen mit einer „extrem marktorientierten Haltung“ sondern eher mit der Befürwortung einer extremer Abschottung.

Klar, die Forschenden haben die Freiheit, ihre Konzepte zu benennen, wie sie wollen. Und ein Konzept lässt sich natürlich besser „verkaufen“ und spricht die Medien und die Öffentlichkeit eher an, wenn eine alltagssprachliche Bezeichnung verwendet wird. Aber es ist eben gerade dann, wenn sich die Öffentlichkeit sehr dafür interessiert, Vorsicht geboten. Durch die Verwendung alter politisch beladener Begriffe für neu gefundene Dimensionen, wird eine scheinbar neutrale Beschreibung des politischen Raums selber zu einem politischen Akt. Ich erinnere an die Reaktionen der Parteien auf die Tortenabbildung auf der Wahlbroschüre: Die Grünen fanden es damals nicht besonders lustig, dass sie als „konservative“ Alternative im „linken“ Raum dargestellt wurden und die SVP sah sich als illiberale Partei auch ziemlich schlecht bedient, ist sie doch in vielen Bereichen stark dem Credo verpflichtet, dass Wohlfahrtsstaat, Steuern und Umverteilung einzudämmen sind.

Deshalb bin ich auch, was die Ergebnisse von Jan Vontobels Lizentiatsarbeit zur politischen Verortung der Medien angeht, etwas skeptisch. Wenn er nach den von Leuthold/Hermann vorgeschlagenen Dimensionen kodiert hat, dann misst er eben nicht unbedingt das, was gemeinhin unter den verwendeten Bezeichnungen verstanden wird. Und es lässt sich dadurch dann auch nicht sagen, ob seine Einschätzung bezüglich der Verortung der Medien treffender ist als diejenige von Roger Blum.

Eine systematische Verortung der Parteien und Medien im mehrdimensionalen politischen Raum? Warum nicht. Aber bitte, bitte überdenkt erst mal die Konzepte und insbesondere ihre Labels!

Scheitert der Familienartikel in der Volksabstimmung? Eine Einschätzung

Die „SRG-Trend“-Studie, welche das gfs.bern diese Woche veröffentlicht hat, zeigt auf, dass die Opposition gegen den Familienartikel markant gewachsen ist. Der Anteil der Befragten, welche — wenn am nächsten Tag abgestimmt würde — sicher oder wahrscheinlich ein Ja eingelegt hätten sank von 66 Prozent (Mitte Januar) auf 55 Prozent (Mitte Februar). Gleichzeitig stieg der Anteil derjenigen, welche bestimmt oder eher dagegen sind von 23 auf 35 Prozent. Gemäss den Forschenden des gfs.bern ist dies eher unerwartet. So schreiben sie auf Seite 45 der Trendstudie:

Der Ausgang ist zwischenzeitlich ungewiss, denn die Polarisierung von rechts fiel stärker als erwartet aus. Setzt sich der eingesetzte Trend ungebremst fort, kann die Vorlage in der Volksabstimmung auch scheitern. War er dagegen eher ein vorübergehendes Phänomen, das mit der Parolenfassung der SVP und ihrem Hauswurf einsetzte, kann die Mehrheit bestehen bleiben. Für Ersteres spricht die ausgelöste Verunsicherung, für Letzteres, dass der Meinungswandel typisch für konservative Rechtskreise ist, die CVP aber nicht relevant erfasst hat.

Es stellt sich also die Frage, ob die Zustimmungsrate zur Vorlage aufgrund der verstärkten Kampagne der Gegnerschaft gesunken ist und auf tieferem Niveau stabilisiert wird, oder, ob die Kampagne weiterhin eine starke Erosion der Zustimmungsrate verursachen wird. Meiner Ansicht nach liegt der Grund für die starke Verschiebung der Zustimmungsrate zwischen den beiden Trendanalysen primär darin, dass die Vorlage lange kaum debattiert wurde und erst in den letzten Wochen mehr Aufmerksamkeit erhielt. Bis vor kurzem wussten viele noch nicht, was der Familienartikel genau regelt. Da Familie ein positiv besetzter Begriff ist, waren viele Befragte einfach mal dafür. Inzwischen setzte die Debatte ein und es gelang, diejenigen, welche (1) eine wertkonservative Haltung (Familie/Geschlechterrollen) und/oder (2) eine kritische Haltung gegenüber dem Sozialstaat (mögliche Kostenfolgen) einnehmen, auf die Nein-Seite zu ziehen.

Damit reiht sich die Debatte um den Familienartikel in ein Muster ein, dass wir bereits bei anderen Vorlagen beobachten konnten, welche unter anderem das Ziel verfolgten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erhöhen. Ich denke da an die Mutterschaftsversicherung oder auch an die kantonalen Ratifikationsverfahren zum HarmoS Konkordat. Gerade bei der Schulharmonisierung war in den meisten kantonalen Parlamenten eine komfortable Mehrheit für die Vorlage. In den Kantonen, in denen eine wertkonservative Haltung dominiert, scheiterte die Vorlage dann nach intensiven Debatten über „Staatskinder“ und Früheinschulung aber am Referendum.

Kampagnen beeinflussen nicht die Werte der Stimmenden, sie aktivieren vorhandene Prädispositionen (wie wir im Fachjargon sagen) und lenken die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte der Vorlage. Somit zeigen die Resultaten der Trend-Studie wohl nicht einen ungebremsten Abwärtstrend, sondern eher eine einmalige Verschiebung als Folge des Einsetzens der öffentlichen Debatte. Trotzdem ist ein Scheitern des Familienartikels nach wie vor möglich. Wahrscheinlich wird es aber nicht am Volksmehr fehlen, sondern eher am Ständemehr.

Erinnern wir uns an die Abstimmung zur Mutterschaftsversicherung von 2004. Damals stimmten 55.5 Prozent der Stimmenden für die Gesetzesvorlage. 11 Kantone und 4 Halbkantone lehnten sie aber ab und nur 9 Kantone und 2 Halbkantone sagten Ja. Wäre — wie beim Familienartikel — das Ständemehr erforderlich gewesen, wäre die Vorlage also gescheitert. Und damals hatte sich ausser der SVP keine grosse Partei dagegen gestellt und die Wirtschaftsverbände hatten Stimmfreigabe beschlossen. Natürlich kann man jetzt sagen, dass die Abstimmung 10 Jahre her ist und man könnte daher hoffen, dass sich inzwischen modernere Familienbilder stärker durchgesetzt haben. Allerdings ist dies nur bedingt der Fall, wie ein Vergleich der kantonalen Zustimmungsraten zur Mutterschaftsversicherung 2004 und zum HarmoS-Konkordat (2008-2011) zeigt (Grafik 1).

Grafik1

Grafik 1: Schwarz markiert sind Kantone, welche über HarmoS abgestimmt haben. Grüne Punkte markieren Kantone, in denen keine Volksabstimmung zum HarmoS-Konkordat stattfand. Auf der Y-Achse abgetragen ist in diesem Fall die Zustimmungsrate im Parlament. Die langgezogenen grünen Balken stehen für Kantone, in denen die genaue Zustimmungsrate nicht bekannt ist. An den Landsgemeinden in Glarus und Appenzell Innerrhoden war eine grosse Mehrheit dafür respektive dagegen. In SZ und AG  ist das Parlament formell nicht auf die Debatte der Vorlage eingetreten (Eigene Zusammenstellung und Darstellung).

Grafik 1 verdeutlicht, wie stark die kantonalen Gräben bezüglich einer fortschrittlichen Familienpolitik in der Schweiz sind. Vor allem in den Ost- und Zentralschweizer Kantonen (mit Ausnahme von Zürich) wird es der Familienartikel schwer haben. Dort ist die Stimmbürgerschaft für die Kampagne der Gegner besonders empfänglich. In der Westschweiz wird sich kaum jemand daran orientieren. Dies zeigt auch der Bericht von gfs.bern (S. 43): Während die Zustimmungsraten zum Familienartikel in der Deutschschweiz von 64 auf 52 Prozent sank, verringerte sie sich in der französischsprachigen Schweiz nur um 3 Prozentpunkte (von 70 auf 67 Prozent).

Glarus stellt in der Grafik eindeutig ein Ausreisser dar (hohe Zustimmung zu HarmoS, hohe Ablehnung der Mutterschaftsversicherung). Der Fall stützt aber mein Argument. In Glarus gab es vor und während der Landsgemeinde zur HarmoS-Vorlage keine Debatte über Staatskinder, Früheinschulung oder über Tagesstrukturen. Hier wurde „nur“ über die Schulharmonisierung abgestimmt und das fand die Mehrheit gut. Ganz anders einen Monat zuvor in Appenzell Innerrhoden: eine Mutter ergriff an der Landsgemeinde das Wort, thematisierte diese Aspekte und prompt folgte ihr die Versammlung. Wohl ein Fanal damals für die Befürwortenden der traditionellen Familien: sie lancierten in der Folge verschiedene Referenden und öffentliche Kampagnen gegen HarmoS, welche primär auf diesen Aspekt hinwiesen. Durchsetzen konnten sie sich aber nur dort, wo ihre Argumente auf fruchtbaren Boden stiessen. HarmoS  wurde in allen Kantonen, welche sich für die  Mutterschaftsversicherung ausgesprochen hatten, angenommen.

Zu erwarten ist, dass es auch bei der Abstimmung zum Familienartikel wieder einen klaren Graben  zwischen verschiedenen „Schweizen“ gibt und sich ein Teil der Kantone klar gegen die Vorlage aussprechen wird. Für mich als Befürworterin des Artikels bleibt nur zu hoffen, dass es nicht genügend sein werden, um den Artikel am Ständemehr scheitern zu lassen.

Einige Gedanken zum #Aufschrei-Phänomen

Ausgelöst durch den Bericht einer Journalistin über anzügliche Bemerkungen des Kanzlerkandidaten Brüderle, gelang es einigen Kolleginnen über Twitter unter dem Stichwort #Aufschrei im deutschsprachigen Raum eine höchste öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen Sexismus zu lancieren: Nicht nur, äusserten sich innert kürzester Zeit zehntausende von Personen im Internet-Netzwerk zum Stichwort, es wurden auch viele persönliche Blogs verfasst und die Medien berichteten ausführlich On- und Offline. Das Thema wurde in Talkshows, in den Nachrichten, in Hintergrundsberichten und in den Kommentarspalten abgehandelt. (Für einige Zusammenstellungen  siehe  http://seeliger.cc/2013/artikelsammlung-aufschrei/ sowie für die Deutschschweiz http://philippe-wampfler.com/2013/02/01/aufschrei-eine-medienschau/).

Der Proteststurm auf Twitter gekoppelt mit der parallelen Diskussion über das Verhalten eines Spitzenpolitikers, erhielten sehr rasch ein Eigenleben. Verschiedene parallele und teilweise verknüpfte öffentliche Debatten entstanden: über die Rolle der Medien, über die Definition von Sexismus, über die Umgangsformen zwischen Männern und Frauen ganz allgemein sowie über die Legitimität, Motive und Kohärenz der Betroffenen, die auf Twitter ihre Erfahrungen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen mitteilen.

Als Bewegungsforscherin finde ich es äusserst spannend, dieses Phänomen zu beobachten. Und, es stellen sich für mich einige Fragen. Beispielsweise, ob es sich beim #Aufschrei Proteststrum um eine Bewegung handelt,  wie erfolgreich ist dieses Phänomen ist und wie nachhaltig es sein kann.

Die Antworten auf diese Fragen hangen davon ab, wie Bewegung, Erfolg und Nachhaltigkeit definiert werden. In Anlehnung an den bekannten Bewegungsforscher Charles Tilly bevorzuge eine Arbeitsdefinition, welche mehrere Faktoren einer sozialen Bewegung ins Zentrum stellt: (1) das Vorhandensein eines Grundkonsenses bei den Beteiligten über (2) einen gesellschaftlichen Missstand, der (3) mittels öffentlichkeitswirksamer kollektiven Aktionen (Protestereignisse) Verbreitung finden soll. Finden solche Aktionen im Rahmen einer breiten Kampagne (4) wiederholt statt und werden über eine gewisse Zeit aufrecht erhalten, in dem die beteiligen Aktivistinnen und Aktivisten (5) Mobilisierungsstrukturen in Form von Netzwerken, Organisationen und Koordinationsplattformen nutzen und/oder aufbauen, würde ich von einer sozialen Bewegung sprechen.

Das Einordnen des #Aufschrei Phänomens in diese Definition ist auch wieder eine Ermessenfrage. Die Kriterien 1-3 sind meiner Einschätzung nach klar erfüllt. Viele KommentarorInnen kritisieren zwar, das Vermischen von ‚harmloseren’ Formen des Sexismus, wie eben anzügliche Bemerkungen und von ‚extremem’ Straftatbeständen, wie Vergewaltigungen und Kindsmissbrauch. Dennoch scheint mir, dass bei denjenigen, die bei der Aktion mitgemacht haben, einen Grundkonsens darüber besteht, dass Sexismus ein Problem ist, welches mehr Beachtung finden soll. Zu erwarten, dass all diejenigen, welche bei einer derart dezentralen kaum koordinierten Aktion mitmachen, aus einem Mund sprechen und identische Ziele verfolgen, wäre vermessen.

Beim 4. und 5. Kriterium bin ich mir nicht ganz sicher: Einerseits dauerte die #Aufschrei Kampagne eine Weile an und es wurden bestehende lose Netzwerke (insbesondere die sehr lose Form der sozialen Internetnetzwerke Twitter und Facebook) genutzt, andererseits sehe ich derzeit aber kaum Bemühungen, längerfristige und gezieltere Mobilisierungstrukturen aufzubauen, mit denen weitere – auch andersgeartete –Protestaktionen entwickelt und verbreitet werden könnten. (Ich habe das allerdings auch nicht systematisch untersucht und es könnte durchaus sein, dass solche Bemühungen stattfinden.) Ich würde den Twitterstrum deshalb eher als eine einzelne, wenn auch länger anhaltende, Protestaktion bezeichnen denn als soziale Bewegung. Allenfalls, könnte man #Aufschrei als neue Protestform und Teilkampagne im Rahmen der bestehenden feministischen Bewegungskampagne gegen Sexismus klassieren.

Wie erfolgreich und nachhaltig ist das Ganze? Ein naheliegendes Kriterium zur Beurteilung des Erfolgs solcher Protestaktionen ist, wie viele Personen sich daran beteiligen (1). Sicher ist es einfacher, viele Personen für eine Äusserung auf Twitter zu mobilisieren und man darf deshalb die Zahl der Beteiligten nicht eins zu eins mit Zahlen von Demonstrationen vergleichen. Dennoch spricht einiges dafür, dass es sich hier in diesem Punkt um eine ausserordentlich erfolgreiche Protestaktion handelt.

Ein weiteres, und in meiner Sicht sogar wichtigeres Kriterium ist, inwiefern die Aktionen, die Bewegten und vor allem auch ihre Inhalte, in der breiten Öffentlichkeit Beachtung erhalten und weiterführende Debatten auslösen (2). Hier ist der Erfolg ganz klar gegeben. Die Medien berichteten ausführlich und sehr verbreitet. Dazu dürften mehrere Faktoren beigetragen haben:  die Grösse und Neuartigkeit der Aktion sowie der Fakt, dass am Anfang der Aktion ein Bericht über das Verhalten eines Spitzenpolitikers stand.

Von nachhaltigem Erfolg würde ich dann sprechen, wenn es gelingt in dieser Öffentlichkeit ein Bewusstsein für den angesprochenen Missstand zu etablieren (3), und damit in der längeren Frist Werte und Verhalten zu beeinflussen (4). Um diese Kriterien zu bewerten ist es noch zu früh. Die vielen, teilweise auch sehr reflektierten, Beiträge in On-und Offline Artikeln deuten jedoch darauf hin, dass durchaus auch nachhaltigere Sensibilisierungseffekte resultieren könnten. Inwieweit diese allerdings verbreitet zu einem Umdenken bezüglich Sexismus in der Gesellschaft  beitragen, ist schwer zu sagen.

Die Nachhaltigkeit einer Bewegungskampagne ist schliesslich auch dadurch zu bewerten, ob die aufgebauten Mobilisierungsstrukturen auch für zukünftige Protestkampagnen genutzt werden können (5). Sicher gelang es durch den Twittersturm, die losen feministischen Netzwerke im Internet stärker zu verknüpfen und es dürfte wohl auch in Zukunft möglich sein, ähnliche Aktionen zu starten, sofern die Rahmenbedingungen gut sind (z.B. eben prominente Auslöser). Da die Neuartigkeit des Phänomens nicht mehr gegeben sein wird, wird es aber sicher schwierig, den Medienerfolg des #Aufschrei-Sturms zu wiederholen.

Sollen Krippenplätze auch für mittelhohe Einkommen subventioniert werden?

Katharina Fontana (NZZ) kritisierte letzte Woche die Praxis verschiedener Schweizer Städte,  Kinderkrippenplätze auch für Familien zu subventionieren, welche relativ hohe Einkommen erzielen. Weiter impliziert sie, dass es problematisch sei, wenn Personen mit hohen Einkommen subventionierte Plätze belegen und damit zur Platzknappheit beitragen. Bei den privaten Kinderbetreuungsangeboten gäbe es ja genügend freie Plätze.

Tatsächlich, ist es so, dass die Obergrenze für Subventionen bei Kita-Plätzen relativ hoch angesetzt ist. Z.B. kann eine vierköpfige Familie in der Stadt Bern mit bis zu ca. CHF 14’000 Haushaltseinkommen pro Monat noch mit einer Teilsubvention der Betreuungskosten rechnen. Die Subventionen sind allerdings stark einkommensabhängig, so dass die Subventionen in diesem Fall nur noch ein Bruchteil der Gesamtbetreuungskosten ausmachen. Ohne Subventionen kostet ein Kitaplatz für einen Wochentag pro Monat in einer öffentlichen Einrichtung der Stadt Bern ca. CHF 450. Eine 80% Betreuung zweier kleiner Kinder kostet also zum Volltarif pro Jahr rund CHF 43000.  Zwar wären die Kosten in einer private Einrichtungen etwas günstiger, weil in diesem Fall ein Geschwisterrabatt gewährt wird, aber selbst dann ist es mehr, als sich die meisten Familie mit mittelhohen Einkommen leisten können. Das Problem ist nämlich, dass im Kanton Bern nur ein Bruchteil der Ausgaben für die Kinderbetreuung von den Steuern abgezogen werden kann und somit Familien mit mittelhohen Einkommen zusätzlich auch einen gewichtigen Betrag an die Staatskasse bezahlen. Besonders bei höheren Arbeitspensum sind die Kosten der Erwebstätigkeit höher als der Ertrag. (Siehe dazu auch http://www.egalite.ch/quand-le-travail-coute.html).

Problematisch ist es, für diejenigen, die für ein solches Einkommen hohe Arbeitspensen verrichten. Für sie ist es nämlich fast unmöglich auf alternative Betreuungsformen (z.B. das Grosi) zu setzen. Eine der Ungerechtigkeiten des Subventionsregimes besteht also unter anderem darin, dass die Subventionen pro Kitabetreuungstag gleich hoch sind, egal ob die Partner 200% arbeiten, um 12’000 zu verdienen oder ob sie dieses Einkommen mit einem gemeinsamen Pensum von 140% erzielen.

Ich habe letztes Jahr für ein Buchkapitel die Haushaltsbudgets einer hypothetischen Familie in der Stadt Bern ausgerechnet. Dabei habe ich unterschiedliche Formen der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau modelliert. Beide Partner verdienen den Medianlohn ihres Geschlechts und sie haben zwei Kinder, eines im Vor- und eines im Schulalter. Im ersten Modell 100/100 sind beide Partner voll erwerbstätig. Die Kinder werden während der Arbeitszeiten der Eltern in Kita oder Tagi betreut. Im zweiten Modell 100/40 hat die Frau ein 40% Pensum, das Kleinkind ist 2 Tage pro Woche in der Kita und das Schulkind besucht an zwei Tagen pro Woche die Tagesschule. Im dritten Modell 100/0 ist sie nicht erwerbstätig und betreut die Kinder selber.

TablleStandardbudget

Die Aufstellung (siehe TabelleStadardbudget) zeigt sehr schön auf, warum das Modell 100/100 ein sehr hypothetisches ist. Entscheidet sich die Familie für das 100/40 Modell, hat sie Ende Monat mehr Geld in der Tasche als wenn die Frau 100% arbeiten würde. Bedenkt man, wie anstrengend der Alltag mit Kindern ist, wenn beide so viel ausser Haus sind, kann man sich eigentlich fast nicht vorstellen, dass sich das jemand freiwillig antut. Die Berechnung zeigt auch, warum kürzere Teilzeitpensen bei Müttern so verbreitet sind. Ohne die 40% Stelle der Frau, könnte sich die Familie mit dem Medianeinkommen des Mannes keinen durchschnittlichen Lebensstandard leisten.

Ist es also ungerecht, dass Familien mit einem Haushaltseinkommen von 10’000 bis 14’000 Franken Subventionen an die Kinderbetreuungskosten erhalten? Meine Antwort ist hier klar nein.  Solange diese Kosten nicht grösstenteils von den Steuern abgezogen werden können,  ist es sogar ein Muss, dass auch mittelhohe Einkommen Subventionen erhalten. Ansonsten wären die negativen Anreize auf eine Erwerbstätigkeit der Mittelschichtsfrauen noch höher. Dies würde zur Akzentuierung einer Entwicklung führen, die wir bereits heute feststellen: die Mittelschicht wird zunehmend ausgehöhlt. Auf der einen Seite gibt es reiche Doppelverdiener-Familien, mit hochgebildeten Paaren, welche sich die privaten Betreuungskosten leisten können. Auf der anderen Seite stehen Alleinerziehende und schlecht verdienende Doppelverdiener-Familien, deren Kinderbetreuungskosten grösstenteils staatlich subventioniert sind. Bei der mittel- bis gutausgebildeten Mittelschicht, setzt sich immer stärker das modifizierte Ernährermodell durch (ein Haupternährer, ergänzt um ein kleines Zweiteinkommen der Hauptbetreuerin). Selbst Frauen, welche eigentlich auch gerne mehr erwerbstätig wären, entscheiden sich unter diesen Rahmenbedingungen nur für ein kleines Arbeitspensum.

Der Entscheid für ein kleines Arbeitspensum hat zur Folge, dass die Familie weniger Steuern zahlt und weniger Abgaben an die Sozialversicherungen leistet. Eine andere Folge ist, dass viele Frauen mit guter Ausbildung (nicht die mit einer Topausbildung), dem Arbeitsmarkt nur sehr beschränkt zur Verfügung stehen. Dieses Arbeitskräftedefizit muss mit Fachkräften aus dem Ausland gedeckt werden, welche wiederum ihre Familien in die Schweiz mitbringen und so das Bevölkerungswachstum weiter ankurbeln. Nur dank diesen Arbeitskräften aus dem Ausland, welche ihren Lebensabend häufig nicht in der Schweiz verbringen, können wir aber unsere Sozialwerke überhaupt noch finanzieren. Es fragt sich schon, wie nachhaltig ein Wohlfahrtssystem sein kann, welches einem nicht unbedeutenden Teil der Bevölkerung derart hohe Anreize zur  Nichterwerbstätigkeit bietet.

Ist es also ein Problem, wenn Familien mit mittelhohen Einkommen die subventionierten Krippenplätze belegen und somit zur Platzknappheit beitragen? Nein, wenn Kitas ein Instrument zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein sollen. Diese Förderung sollte meiner Meinung nach gerade auch auf Familien abzielen, die sich die private Lösung (mehr oder weniger) knapp nicht leisten können. Wer Krippen primär als Instrument zur Unterstützung von Bedürftigen, Alleinerziehenden und/oder zur Förderung von Kindern aus benachteiligten Verhältnissen sieht, mag da anderer Meinung sein. Allerdings sollten sich auch diese Leute bewusst sein, dass Integration in sozial durchmischten Gruppen einfacher zu vollziehen ist.

Wenn Frau Fontana also von der ‚Mär der fehlenden Krippenplätze‘ spricht, gebe ich ihr in einem Punkt recht: zusätzlich zur schon fast stereotypen Debatte über die Zahl der Krippenplätze in der Schweiz, brauchen wir dringend eine Debatte über die Finanzierung, die Subventionsregime und letztlich auch über die Zielsetzungen von Kinderbetreuungseinrichtungen in der Schweiz.